gen täglich im Durchschnitt zehn bis zwölf vor Schwäche und Unterernäh- rung.
Später kam endlich die Lagerküche in Gang. Nun bekamen wir nach 12stündiger Arbeitszeit wenigstens einen Teller voll neuer Kartof- feln, die jedoch kaum größer als Walnüsse waren. Der Hunger brannte in unseren Eingeweiden. Die Organisation klappte dagegen mit der Zeit großartig: die täglichen Abgänge wurden laufend durch neu ins Lager kommende Unglückliche wettgemacht. Die Gestapo -Hauptzentrale in Sos- nowitz arbeitete auf Hochtouren. Durch Menischenjagden und immer neue Ausmusterungen schöpften sie unaufhörlich aus dem großen Menschen- reservoir neue Sklaven. Platz für die Neueingänge war, wie schon ge- schildert, laufend vorhanden. Aber mitunter brachten auch die frischen Transporte schon Halbtote ins Lager, die nur wenige Wochen aushalten konnten, bis sie völlig zu Grunde gerichtet waren und auf dem Lager- friedhof beerdigt werden mußten.
Diese bei der ökonomisch berechneten Organisation der modernen Sklavenhaltung erstaunlich anmutende Tatsache, daß nämlich schon von vorneherein Arbeitsunfähige in die deutschen Arbeitslager und nicht gleich in die Gasöfen geschickt wurden, läßt ssich folgendermaßen erklären: die hohen Herren von der Sosnowitzer Gestapo liebten nicht nur die Ideale ihres großen„Führers“, sondern auch die materiellen Güter dieser Erde.
Sie hatten eine offene Hand für die Kostbarkeiten, die sich vielfach noch im Besitz der einst in guten Verhältnissen lebenden, aus ganz Deutschland nach Polen verschleppten jüdischen Familien befanden. Kurz gesagt, sie waren bestechlich. So konnte es vorkommen, daß bei den zusammen- gestellten Transporten Reiche losgekauft wurden; damit die Zahl stimmte, nahm man dann wahllos Ersatzleute aus der armen Bevölkerung, die normalerweise für den Arbeitseinsatz in; Deutschland gar nicht mehr in Frage gekommen wären. Junge und Gesunde, die reich genug waren, konnten sich'so auf Kosten von: kranken und schwachen Armen für eine gewisse Zeit vor dem Arbeitslager retten. Eine Hand wusch die andere, aber am Ende ist dann doch niemand seinem fürchterlichen Schicksal ent- gangen. Wenn die Reichtümer zu Ende waren und man den Erpressun- gen der Gestapo -Leute nicht mehr standhalten konnte, mußte jeder seinen Weg antreten. Zum Schluß gab es nur noch arme Juden, deren Güter in die Hände der„Repräsentanten“ des Neuen Reiches übergegangen waren.
Was ich sonst noch alles während des halben Jahres erlebt habe, das ich im Lager Tarnowitz verbrachte, läßt sich gar nicht mit Worten schildern. Manchmal war ein kleiner Trost der Anblick unserer jüdischen Mädchen, die in einem getrennten Lager untergebracht waren. Ausihren Blicken, die durch die Maschen des Lagerzaunes zu uns herüberdrangen,
30


