Druckschrift 
Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen

Zustand, in dem es sich befand, von den übrigen ab. Dort waren eng- lische Kriegsgefangene untergebracht. Das dritte, am weitesten zurück- gelegene, bot einen ganz traurigen Anblick: es diente russischen Gefan- genen zur Unterkunft. Gleich waren indessen die Wahrzeichen aller drei Lager: hohe, mit Maschinengewehren bestückte Wachtürme.

Wir errichten ein neues Lager

Das für uns bestimmte Lager bestand eigentlich erst in seinen äu- ßeren Umrissen. Es mußte von uns erst im Laufe der Zeit aufgebaut werden. Was wir vorfanden, war ein wüstes Durcheinander und kaum irgendwas an Einrichtungsgegenständen war vorhanden. Alles mußte mühsam von der Stadt aus herbeigeschleppt werden. Über dem Ganzen herrschte ein wildgewordener Wachhabender, der anscheinend mit der Errichtung des Lagers seine Meisterprüfung ablegen sollte. Seine Auf- geregtheit schien wenigstens darauf hin zu deuten. Er war der Situation überhaupt nicht gewachsen und wurde mit nichts fertig. Er tobte herum und schlug blindlings auf alle ein, die ihm irgendwie in den Weg kamen. An allem, was an seiner eigenen Unfähigkeit scheiterte, waren selbstver- ständlich die Juden schuld. Schließlich war es dann aber doch so weit, daß wir wenigstens in die neuen Unterkünfte einziehen konnten. In je einen Raum von 20 mal 30 Metern Größe wurden 150 Arbeiter einge- pferscht. Betten, oder wenigstens Decken, waren noch nicht vorhanden. Unter solchen Verhältnissen mußten wir die ersten Wochen) im Lager zubringen. Auch die Küche war noch nicht in Betrieb, sodaß wir kein warmes Essen fassen konnten. Nur mit trockenem Brot und schwarzem Kaffee im Magen ging es täglich auch an den Sonntagen zur schwe- ren Arbeit. Einige von den Kolonnen waren eingesetzt, Kohlen) und neue Baracken auf dem Bahnhof für das Lager auszuladen. Ich selber wurde einer Kolonne zugeteilt, die Eisenbahnschienen zu legen hatte.

Während der Arbeit kamen wir zum erstenmale mit Gefangenen aus anderen Ländern in Berührung. Die Engländer waren in guter Ver- fassung, gut genährt und guten Mutes. Ihre Blicke und heimlich ab und zu zu uns herüberfliegende Zigaretten gaben uns ihre Sympathie zu ver- stehen. Während sie bei der Arbeit sangen und guter Laune waren, herrschte unter den Russen eine furchtbar niedergeschlagene Stimmung. Halbverhungert schoben sie mit letzten Kräften die schweren Erdloren vorwärts. Eine solche Last war durchschnittlich eine Tonne schwer, und jeweils zehn oder zwölf Menschen mühten sich ab, sie vorwärts zu schie- ben. Ich habe mit eigenen Augen beobachtet, wie beim Abladen der Lo- ren zuweilen einer von ihnen vor Erschöpfung zusammenbrach und von den niederprasselnden Sandmassen lebendig begraben wurde. Niemand störte sich daran. Die anderen hatten weder die Zeit noch die Kraft,

28