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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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ten. Doch auch damit war es wie mit allen Zusagen der Nazis: Gehalten wurde nichts. Man versuchte gleichviel noch, uns mit vielen Begründun- gen plausibel zu machen, daß man es trotz allem'aufrichtig und ehrlich mit uns meine, aber als wir erst einmal ein halbes Jahr im Lager ge- schmachtet hatten, gaben wir allmählich alle Hoffnung auf, daß wir je- mals wieder frei werden; würden, es sei denn, daß ganze gegenwärtige Regime gehe zu Grunde. In dieser Situation war es selbstverständlich Glück, daß eines Tages eine Gelegenheit geboten wurde, nochmals, für drei Tage wenigstens, Frau und Kind wiederzusehen. Allerdings war die Zahl derer, die zu dieser Sondervergünstigung kamen, verschwindend gering. Daß ich dazu gehörte, verdankte ich der Tatsache, daß ich im Lager als guter Arbeiter galt. Ich trat meine Urlaubsreise am 1. Pfingst- tage des Jahres 1941 an.

In einem Lastauto, das mit anderen Urlaubern aus mehreren La- gern vollgeladen war, ging es in schnellem Tempo durch Schlesien , und die Fahrt bis nach Sosnowitz dauerte nicht lange. Wo es sich bereits her- umgesprochen hatte, daß Urlauber aus den: deutschen Lagern zu erwarten waren, standen viele Tausende von Frauen und Kindern am Stadtrand zu unserem Empfang bereit. Sie alle.hofften, daß einer ihrer Angehörigen bei den wenigen Glücklichen: sein werde. Als wir ankamen, gingen der überwiegende Teil von ihnen enttäuscht und gebrochen in! ihre Häuser

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zurück.) *

Im Laufschritt eilte ich meiner Wohnung zu. Bald nach meiner Ankunft war das Haus, in dem meine Familie untergekommen. war, von einer dichten Menschenmenge umlagert. Weinende Mütter und Frauen stürmten mit besorgten Fragen auf mich ein, ob ich nicht diesen und jenen im Lager gesehen habe, ob ich nicht wüßte, was aus ihren Männern und Söhnen geworden sei. Nur sehr wenigen konnte ich eine Auskunft geben. Aber während aller drei Tage meines Urlaubs riß die Kette der Auskunftheischenden nicht ab.

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Gottlob, ich war noch einmal wieder zu Hause. Als ich eintrat, brannten auf dem Tisch, zwei Kerzen zum Zeichen, daß der Sabbath an- gebrochen war. In dem leeren Raum, der nur mit einem Kinderbett aus- gestattet war, empfing mich meine Schwiegermutter, der vor Bewegung die Tränem über das Antlitz flossen. In diesem Augenblicke wachte das Kind auf, das in seinem Bett geschlafen hatte, und sie sagte nur mit trau- riger Stimme:Sieh doch, mein Kind, dein Vater ist gekommen. Wenige Minuten später stürzte meine Frau ins Zimmer, mit ihr aber wiederum eine ganze Schar von Nachbarinnen, in deren Mitte ich nun stand, mit

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