mußte. Uns waren die Hände gebunden und das einzige, was uns blieb, war damals die Hoffnung, eines Tages heimzahlen zu können, was man uns und unseren Familien angetan hatte.
Die neue Lebensweise im Lager
Während der ersten Wochen mußten wir auf der bloßen Erde schla- fen. Aber es gab täglich eine Stunde„Sport“. Ein Sport allerdings, nach dessen Beendigung wir mehrere Male zwei oder drei von unseren Kame- raden zu Grabe tragen mußten. Besonders die Sonntage waren beliebt dafür, uns mehrere Stunden lang auf derart sportliche Weise über weite, schneebedeckte Felder zu jagen, bis einige auf der Strecke blieben.
Alle vierzehn Tage durften wir eine Karte von zu Hause als Post empfangen. Die wenigen Lebensmittel, die sich unsere Angehörigen in Polen mit Mühe und Not vom Munde absparen konnten, und die uns als dringend notwendige zusätzliche Nahrung sehr willkommen waren, gin- gen jedoch meist bei der Post verloren, d. h. sie wurden von den Auf- sehern gestohlen, ohne daß eine Instanz da war, die derartige Diebstähle bestraft hätte.
Nicht zu vergessen bleibe, daß wir auch einen Lohn empfingen. Ein Arbeiter, der eine Familie zu Hause hatte, bekam wöchentlich sage und schreibe 3,50 Mark. Die Gegenleistung dafür bestand darin, daß wir täglich um vier Uhr in der Frühe aufstehen mußten, um nach einer Stunde des beschriebenen Sports mit einem Liter schwarzen Kaffees und einem halben Pfund Brot im Magen den sieben Kilometer langen Marsch zur Arbeitsstätte anzutreten. Für den Bau einer Reichsautobahn mußten wir breite Waldsschneisen roden. Es nahm die ganze körperliche Kraft in An- spruch, wenn man bei 20 Grad Kälte die schweren Kreuzhaken in den gefrorenen Boden jagte, daß die Funken stoben, Wehe dem, dessen: Kräfte versagten. Die Posten standen mit ihren schweren Knüppeln bereit, oder, was mitunter noch schlimmer war, mit gezücktem Bleistift: Wer wegen mangelhafter Arbeitsleistung aufgeschrieben wurde, weil er nicht min- destens zehn Wurzeln pro Tag aus der Erde gehauen hatte, bekam abends im Lager 15 bis 25 Hiebe aufs nackte Gesäß. Daneben kam es aber auch vor, daß die Posten, wenn sie vielleicht schlecht geschlafen hatten und deshalb mißgestimmt waren, einen der Zwangsarbeiter beiseite nahmen, mit ihm in einem Gebüsch verschwanden, wo er„auf der Flucht“ erschos- sen: wurde. Diese Individuen, die uns bewachten, hatten mit Menschen nur den Namen gemeinsam. Ein menschliches Herz schien keiner von ihnen im Leibe zu haben. Aber es war noch besser, draußen auf der Ar- beitsstelle zu schuften, als sich krank zu melden: und im Lager zu bleiben. Die Kranken hatten erst recht die Hölle auf Erden.
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