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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
Entstehung
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jüdischen Einwohner der Stadt mußten auf dem großen Sportplatz, der von der Gestapo und ihren Helfershelfern umzingelt war, antreten. Als die etwa 20000 Seelen zählende jüdische Gemeinde versammelt war, wurde die ersteAuswahl getroffen, d. h: man stellte fest, wer noch ge- eignet war, weiter für die Nazis zu arbeiten, und wer zur Vernichtung be- reits reif war. 48 Stunden lang stand die tausendköpfige Menge auf dem Platz. Inzwischen hatte ein schwerer Sturm eingesetzt, der von peit- schendem Regen begleitet war. Der große Sportplatz wurde zu einem einzigen See, in dem Hunderte von kleinen Kindern ertranken. Die Leute von der Gestapo selber begannen jedoch erst mit ihrerArbeit, als das Wetter etwas besser geworden war. Von den 20 000 Uniglücklichen wurden 6000, zumeist Alte, Kranke und kleine Kinder, aussortiert, in Fünferreihen geordnet und in das nicht weit entfernt gelegene Städtchen Auschwitz zur Schlachtbank geführt. Dort waren bereits damals die Ver- nichtungsöfen aufgestellt und laufend in Betrieb.

Bei dieser Musterung blieben meine Angehörigen noch einmal ver- schont. Meine alte Mutter konnte ihrem grauenhaften Schicksal für dies- mal jedoch nur dadurch entgehen, daß sie sich in ihrer Wohnung versteckt gehalten hatte. Von diesem Zeitpunkt an mußte der Judenrat jeden Mo- nat ein bestimmtes Kontingent für die Vernichtungsöfen bereitstellen und auch dieser selbst, ein Stab von Hunderten von Beamten, trat eines Tages den gleichen Weg an. Der Judenrat versuchte mit allen) Mitteln Zeit zu gewinnen: und, hauptsächlich durch Bestechung, den letzten Akt der Tra- gödie für möglichst viele zu verzögern aufzuhalten war sie nicht mehr. Aber wenn auch eine der Forderungen der Herren von der Gestapo er- füllt war, wenn wieder 10 oder 20 kg Gold zusammengetrieben worden waren, und es schien, als ob für eine zeitlang Ruhe eintrete, folgten nach kurzer Zeit neue Erpressunigen; neue Kostbarkeiten mußten aufgetrieben werden, bis schließlich die Vorräte erschöpft waren. Das Ende jedenfalls war, daß die Bewohner des Ghettos bis auf den letzten Mann, die letzte Frau und das letzte Kind auf grauenhafte Weise umgebracht wurden.

Dem Rest der Juden des Sosnowitzer Ghettos schlug die letzte Stunde am 31. August 1943. Bei diesem letzten Transport nach Auschwitz befand sich auch meine Familie.

Im Zwangsarbeitsiager Brande bei Falkenberg

Wir waren in den Lagern Deutschlands die meiste Zeit, die uns zur Besinnung blieb, mit den Gedanken bei unseren Lieben| zu Hause, deren ungewisses Los uns schwer bedrückte. Wir wußten, daß sie zu Tausenden und Abertausenden in engen Gassen und Häusern zusammengedrängt waren, daß sie täglich zu schwersten Arbeiten aus ihren Wohnungen ge-

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