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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
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Das Nötigste

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was ist das Nötigste in solchen Augenblicken? Ein paar Sachen in der Eile zusammenlesen, dann schnell noch Abschied neh­men, denn wer weiß, wie lange sie uns beieinanderlassen werden. haben sie überhaupt mit uns vor? Tausend Fragen gibt es in solchen Augenblicken.

Was

Die beiden Uniformierten werden schnell unruhig. Rasch, das Nö­tigste, noch eine Umarmung. Dann stehen wir auf der Straße.

Nichts deutete hier darauf hin, daß sich etwas Außergewöhnliches ereignet haben könnte. Der normale Großstadtverkehr zu später Stunde, noch im Glanz der Großstadtlichter. Ja, noch war Frieden. Frieden? Wie lange noch für uns? In unserem Innern kam das bleierne, dumpfe Gefühl wieder hoch, die Ahnung des großen Schreckens, der immer näher auf uns zukam. Für Wochen, Monate, Jahre..?

Man brachte meine Angehörigen fürs erste in den großen Hof des Polizeipräsidiums, mit dem ich vor vier Jahren ebenfalls Bekanntschaft gemacht hatte. Dort erlebten sie das Dämmern des neuen Tages. Sie blieben nicht die einzigen. Bald füllte sich der weite Hof mit immer mehr eingeschüchterten, aus dem Schlaf aufgestörten Gestalten. Alle jüdischen Einwohner der Stadt, die polnischer Nationalität waren, hatte man aus ihren Häusern geholt und hier zusammengetrieben. Über dem Ganzen lag eine ungeheure Spannung. Allmählich begann ein Lärmen und Schreien. Meine hochbetagte Mutter vermochte sich kaum aufrecht zu halten, und alle waren furchtbar aufgeregt. Noch immer wußte nie­mand, was in den nächsten Stunden geschehen würde. Endlich geschah etwas große Lastautos rollten in den Hof und dann mußte alles sehr schnell gehen.

,, Herein mit Euch Gesindel." Wo das Aufsteigen nicht schnell ge­nug vor sich ging, wurden die Leute einfach gepackt und ins Wageninnere hineingeschleudert, gleichgültig, ob Frau, Kind oder Greis. Dann nahmen die Autos Kurs auf den Verladebahnhof, wo endlos lange Züge bereit­standen. Und dann ging es nach Osten. Einen Tag und die ganze darauf­folgende Nacht lang. Wie eine traurige Begleitmusik stieg von dem Menschentransport Geschrei der kleinen Kinder und das Weinen der Frauen empor. So kam man bis zur polnischen Grenze und über sie hin­weg nach Kattowitz .

Dies geschah zu der Zeit, als in Paris ein deutscher Legationsrat er­schossen worden war, als in Deutschland und, wie schon geschildert, auch in der noch ,, freien" Stadt Danzig , tausende von jüdischen Geschäften sinnlos zertrümmert wurden. Die Nazis hatten die Rath- Affäre u. a. da­

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