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Unter dem gelben Stern : ein Tatsachenbericht aus der Zeit von 1933 bis 1945 / von Abraham Hochhäuser
Entstehung
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Die ersten Wochen im Kerker meine Zelle war nicht viel größer als ein Sarg wurden schrecklich lang. Ich hatte mich noch nicht, wo- zu ich später freilich genug Gelegenheit bekam, an diese neue Lebensform gewöhnt. Zum Frühstück morgens, das aus einer Tasse schwarzen Kaffees und Brot bestand, gab es regelmäßig wieder ein paar Fußtritte.

Das ging volle neun Wochen lang, bis zum 22. Dezember 1934. Dann wurde ich entlassen, weil man mir nichts hatte nachweisen können.

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Doch dies war nur das Vorspiel. Man; gab mir meine Freiheit noch einmal zurück. Eine Freiheit allerdings, von. der sich nur derjenige ein Bild zu machen vermag, der das Dritte Reich Hitlers am eigenen Leibe erlebt hat. Diese Freiheit bestand für uns in tausend Schikanen und Repressalien, die man heute nur zu gerne vergessen möchte sie bestand in der Gefahr, daß man jeden Tag wieder geholt werden konnte, um schon in diesen Jahren in einem der Lager für immer zu verschwinden. Hitler wußte sehr gut, daß er sich nur durch brutalste Gewaltmethoden halten konnte, und seine Parteigänger hatten ein empfindliches Ohr für alles, was gerade in den Kreisen der Verfemten und Geächteten vorging.

Jugenderinnerungen an das andere Deutschland

Ich habe seit frühester Jugend in Deutschland gelebt. Breslau Ist zu meiner zweiten Heimatstadt geworden, in der ich den größten Teil meiner Kindheit und Jugend verbrachte, in der ich in die Schule ging, den Kaufmannsberuf lernte und mit Menschen aus allen Kreisen der Bevölkerung ein harmoni'sches und menschliches Verhältnis fand. Ich war, wie meine Eltern und Geschwister, polnischer Staatsbürger; meine Eltern waren mit vielen Tausenden gemeinsam über die Grenze ins west- liche Nachbarland gekommen und hatten als geachtete Handwerker seit langem Aufnahme gefunden. Deutschland bot uns in seinen guten Jahren

ausreichenden Lebensunterhalt und günstige berufliche Entfaltungsmög- lichkeiten.

Der Jude war, bevor Hitler und seine Partei im deutschen politi- schen Leben eine Rolle zu spielen begann, als Handwerker und Geschäfts- mann geachtet und geschätzt. Daran änderte auch ein gewisser Anti- semitismus nichts, der von jeher und nicht allein in Deutschland von einigen Kreisen verfochten wurde. Er war jedoch bei weitem nicht so stark, daß er unser Zusammenleben mit den Andersrassigen und-gläu- bigen hätte vergiften können. Schließlich galt während der liberalisti-