liches Gebrechen zwang ihn, an zwei Stöcken zu gehen. Er hat mir einmal seine ganze Geschichte erzählt und mir Einblick in die Akten gewährt, die er bei sich hatte. Mit Reibereien im politisch- kommunistischen Sektor fing es an, mit dem Verdacht auf gewerbsmä­Biges Glücksspiel und unerlaubte Gewerbeausübung setzte es sich fort; so geriet er allmählich in einen stän­digen Kleinkrieg mit der Polizei. Soviel ich nachzu­prüfen vermochte, war er jedoch in keinem Falle über­führt und er war auch nie bestraft worden. Trotzdem saß er hier schon sechs Jahre mit einer Unterbrechung. Es war eine reine Vorbeugungshaft, von der Polizei ohne Richterspruch und ohne richterliche Überprü­fung verhängt. Ähnliche Fälle gab es im Lager viele. An meinem Tische war Dr. Gustav Leiẞner aus Chem­ nitz . In den zwanziger Jahren war er Oberbürgermei­ster einer mittleren sächsischen Industriestadt gewesen und dann bis 1933 besoldeter Stadtrat in Breslau . Jahre der Verfolgung und Entbehrung folgten, die ihn aber nicht zu beugen vermochten. Seine Fürsorge für die Kameraden war rührend. Da waren die Häftlingsnum­mern zu drucken und anzunähen und ein Wust von Formularen für die Neuangekommenen auszufüllen. Die Fragen waren nicht immer leicht zu beantworten. Manche wirkten wie Fallen, besonders solche, die auf krankhafte Erbanlagen hindeuteten, hinter ihnen lauerten Entmannung und üble wissenschaftliche Ex­perimente. Da galt es zu verhüten, daß die Kameraden durch allzu große Ehrlichkeit ihr eigenes Grab schau­felten. Hier half Gustav. Ich wiederum half ihm bei dieser Arbeit, und wir wurden bald Freunde. Über Gu­stav gewann ich wiederum das Herz Hermanns. Dieser organisierte schon am dritten Tage ein baumwollenes Lagerhemd für mich und schob mich in eine Bettreihe,

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