Teil eines Werkes 
3 (1946) Sterne in der Nacht : Lieder und Reime eines Ausgestossenen / K. A. Gross
Entstehung
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Das Ich und das Du

ACH, WAS KÖNNEN WIR EINANDER GEBEN? Menschenbruder, siehst mich flehend an,

Und dein Blick, er hat mir's wahrlich angetan, Dringt herüber; dringt aus deinem Leben, Wie von Stromes Ufer jenseits schnellt ein Kahn.

Sieh, er schneidet tief mir in die Seele, Bringt mir Nachricht von dem andern Du, Sagt mir, daß es wie ich selber ohne Ruh Sich in Kerkereinsamkeit zerquäle,

Suchend nach der Freiheit in des andern Du.

Und ich lese, daß du Hunger leidest Und des heißen Lebenskampfes Not

Um des Leibes und der Seele armes Brot Vor das Auge deines Bruders breitest, Ob ihn rühre der Barmherzigkeit Gebot.

Ach, was können wir einander geben, Siehst so seltsam und so fremd mich an! Was ich konnte, habe ich getan:

Gab das halbe Brot, das halbe Leben Dir, o sag, ob ich dir nicht genug getan?

Muß das Auge vor dir niederschlagen, Sehe dich durch Schleier wie von fern, Doch ich höre leis die Stimme unsres Herrn: ,, Sollst dein ganzes Leben für ihn wagen!" Ach, wie ist das Ich dem Du so weltenfern!

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