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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
Schreckensbildern leuchten die nahen bayerischen Alpen mit ihren schnee- und eisbedeckten Gipfeln in erhabener Schönheit zu uns herüber. Welcher Kontrast! Doch kein Auge hebt sich, um dieses einzige durch die Abendsonne beleuchtete Panorama aufzunehmen... Die Brücken, über die wir marschieren, sind mit Sprengstoffkisten vollgebaut, und kaum sind wir über die letzte Loisachbrücke, so fliegt auch diese hinter uns mit gewaltiger Detonation in die Luft. Es wird Abend, und immer weiter zieht sich der Zug auseinander. Der Gefechtslärm kommt näher, und in der schnell hereingebrochenen Nacht blitzen die Mündungsfeuer der Kanonen jenseits der Isar in schneller Folge auf, deutlich hört man jetzt auch MG.- Feuer. Unsere Transportbegleiter treiben uns schneller, und nun kurz vor dem Zusammenbrechen wird uns klar, daß wir unsere allerletzten Kräfte für die Flucht benützen müssen, wenn wir nicht in letzter Minute noch das Schicksal unserer Kameraden teilen wollen. Eine durch auffahrende deutsche Artillerie hervorgerufene Verkehrsstockung benützend, springen wir zu dritt von der Straße in den Wald und klettern auf allen vieren den steilen Hang hinauf... Es ist nachts um 10 Uhr, ein Schneesturm tobt seit einer Stunde schon, und man sieht kaum die Hand vor den Augen. Im Hochwald halten wir an und lauschen gespannt, außer dem Toben des Sturmes und unseren klopfenden Herzen ist nichts zu hören Flucht blieb unbemerkt. Zunächst sind wir frei, aber der Tod schleicht in dieser Nacht um uns, denn oftmals hören wir den trockenen Knall der Pistolen... Mit dem aufziehenden Morgen überqueren wir vorsichtig die Tölzer Straße und haben dabei ein trauriges Erlebnis. Im Straßengraben liegt ein mir bekannter politischer Gefangener und Landsmann mit dem kreisrunden Loch im Nacken. Gestern stand er noch teilnehmend bei mir; Familienvater, seine beiden Söhne im Kriege gefallen. Und nach 7 Jahren
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unsere


