Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ANHANG

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Mancher hat für ewig getrunken und steht nimmer auf... Dann wird die Postenkette eingezogen und abends um 9 Uhr weitermarschiert. Vor und in Starnberg sind es schon Hunderte von Kameraden, die, den Strapazen nicht ge­wachsen, links und rechts die Straßenränder säumen. Sie werden dann wie Bündel Holz auf Haufen zusammenge­tragen und von abgestellten Posten bewacht. Erst später erfahren wir, daß die ursprüngliche Absicht, rechts des Starn­berger Sees zu gehen, fallen gelassen wurde, weil die ameri­kanischen Truppen bereits gegen Mittenwald vorstoßen. So marschieren wir gegen Bad Tölz zu.

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Die ganze Nacht fahren in fast ununterbrochener Reihe deutsche Wehrmachtsfahrzeuge, die ins Gebirge zurückgehen, die verstopften Hauptstraßen müssen von uns umgangen werden, und so geht es über Feldwege und Seitensträßchen, eine günstige Gelegenheit für die SS- Mordbanditen, die Zusammengebrochenen und erschöpft Liegengebliebenen se­rienweise abzuknallen, damit sie nicht als Bewachung zu­rückbleiben müssen, denn auch sie sind ja Gejagte... Peng aus vorbei!... Menschenleben sind ja im Dritten Reich so billig! Ab und zu, wenn zu viele umfallen, gibt es dann für ein paar Minuten Aufenthalt, wie ein Stein fällt der müde Konzentrationär auf die harte Straße und möchte nichts als liegenbleiben und schlafen. Doch das be­deutet Tod, denn immer wieder ist die schaurige Marsch­musik der Pistolenknall zu hören, einmal näher, ein­mal weiter entfernt. Immer wieder gibt es Vertröstungen auf eine längere Rast, kein Wasser ist da, die Verpflegung längst zu Ende. Die glühende Sonne brennt herab, und noch immer marschieren die Dachauer Häftlinge. Unsere Folter­knechte kennen kein Erbarmen, und die letzten bestialischen Auswüchse eines bestialischen Systems feiern weiter ihre Triumphe. Nachdem das Städtchen Wolfratshausen passiert wurde, wo die Bevölkerung, insbesondere die französischen

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