292 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
ziehen die Kolonnen weiter. Für viele unserer Kameraden sind es seit Jahren überhaupt die ersten Schritte jenseits des elektrischen Stacheldrahtes.— Vor uns der Marsch in das Ungewisse, ‚hinter uns das Lager mit seinen Hungerqualen und seiner schaurigen Sterblichkeitsziffer, aber so oder so— hier gibt es keinerlei freundliche Perspektiven... Vorbei geht der Zug an der Rotschweige, die benachbarten Juden- und Frauenlager bleiben hinter uns. Vom ı3jährigen Kind bis zum 73jährigen Greis sind in der Marschkolonne alle Altersstufen vertreten. Schon fallen die ersten Erschöpften und Kranken zusammen und schleppen sich an den Rand der Straße, um nicht zertreten zu werden, denn ohne Auf- enthalt und Rast geht der Marsch.— Der Mond ist auf- gekommen und wirft sein silbernes Licht auf die aus- gemergelten Gestalten in den graublau gestreiften Häftlings- uniformen. Kuriere und Motorräder, Autos und Fahrräder jagen vorüber, um das organisierte Elend„sicher“ zu ge- leiten.— Hinüber geht es in die nächtlichen Vorstädte von München , die ersten Panzersperren tauchen auf, vergeblich- tragikomische Versuche, die bestausgerüsteten Armeen der Welt aufzuhalten. Bald werden auch die ersten Zerstörungen sichtbar, ausgebrannte Fabriken und Wohnruinen strecken ihre nackten Mauern und Kamine zum Himmel. Durst und Durst kommt immer mehr auf, der scharfe Marsch mit dem Gepäck macht warm, doch läßt die rechts und links flan- kierende SS nicht zum Trinken aus der Reihe, wenn einmal ein Brunnen oder Bach fließt. Nun liegt der Außengürtel Münchens mit seinen toten Straßen in unserem Rücken, und in den nächsten Dörfern stehen nur wenige Bewohner am Zaun und blicken scheu auf den Elendszug. Der Mittag des nächsten Tages sieht uns vor dem Starnberger See , und unsere Peiniger müssen auch um ihretwillen einige Rast- stunden einlegen. Im Tal fließt ein Bach, und wie Tiere fallen Halbverdurstete auf die Knie und trinken, trinken.


