ANHANG 291
teilweise mit Frauen und kleinen Kindern... Eine Parole geht durch die Reihen der müden Konzentrationäre, der Marsch sollte verschoben werden, heißt es— aber die Zu- gänge zum Lager waren abgesperrt, niemand durfte den Platz verlassen. Unheimlich drohen die maschinengewehr- gespickten Wachtürme herüber auf die zusammengedrängten Menschenmassen.— Als es später Abend wurde, sickerte es durch: Es wird doch marschiert. Endziel ist das Ötztal bei der deutsch -italienischen Grenze...
Um 9.15 Uhr abends marschierten wir zum letztenmal durch das Tor des Jourhauses, das mit seiner Inschrift:„Ar- beit macht frei“ uns täglich die Lüge eines verdorbenen Systems neu vor Augen führte.— In Wirklichkeit war es nur der Tod, der frei machte!— Das Mordgeschäft ver- standen die Herrenmenschen aufs beste und hatten aus den Konzentrationslagern, die dem Volk und den Inhaftierten gegenüber zur„Umschulung“ dienen sollten, Menschen- Vernichtungsanstalten von grotesken Ausmaßen geschaffen. — Inzwischen hatte sich die schwer bewaffnete SS zu bei- den Seiten unseres Zuges aufgestellt. Der dramatische Schluß- akt des Dramas„Dachau “ begann. Zum letztenmal der Marsch auf der„Straße der SS“, die uns täglich durch Jahre hindurch zu einer Sklavenarbeit hinausführte. Dort reihten sich die Villen der SS -Führer, die in den Jahren, wo das deutsche Volk gezwungen war, zu darben, unter keinerlei Beschränkungen zu leiden hatten— denn für sie war alles da, sie lebten ja aus dem großen Reservoir der Schutzhäft- linge ihr gewohntes gutes Leben weiter.— Im Gegensatz dazu, an der Peripherie von Dachau , säumte die ärmere Bevölkerung der Stadt die Straße, denn manche Bekannt- schaft mit guten Menschen war in langen Jahren geknüpft, erprobt und erhärtet-worden. Traurige und mitfühlende Zurufe, Entrüstung über die neue Schande der SS flogen in unsere Reihen... Unaufhaltsam, in tiefem Schweigen
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