Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
290
Einzelbild herunterladen

290

FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

jahrssonne, im Lager das einzige, über das der SS - Reichs­führer Himmler keine Gewalt hatte... Weiß leuchtet der riesige Appellplatz, von unzähligen kurzlebigen Häftlings­generationen festgetreten...

-

-

Der 26. April kam, und kein Arbeitskommando durfte mehr das Lager verlassen. Schwarz gedrängt stehen die Menschen in den Blockstraßen, Bestürzung, Enttäuschung. Angst und Wut malen sich in den vom Hunger abgezehrten Gesichtern. Tiefflieger stoßen herunter in das naheliegende SS - Lager und suchen sich lohnende Ziele. Als die Morgen­sonne in das Zeichen des Mittags stieg, kam vom Jourhaus vorne das Kommando: ,, Reichsdeutsche antreten!" Die letz­ten, die noch an Vernunft und Menschlichkeit im zusammen­brechenden Nazi- System geglaubt hatten, packen hastig ihre Habseligkeiten, und dann marschiert unser Block als erster auf dem Appellplatz auf. Vielmals wird ausgerichtet und abgezählt, dann wird eine Marschverpflegung ausgeteilt. Die ausgehungerten Menschen essen sie im Stehen auf einen Sitz auf auch die brüllende und tobende SS kann dem Hunger nicht gebieten! In der Zwischenzeit hatte sich der Appell­platz gefüllt, die Russen und die Juden müssen ebenfalls marschbereit sein. Insgesamt sollen wir mit 9000 Mann mar­schieren. Wir stehen angetreten und warten... Um 12 Uhr waren wir aufmarschiert, wir stehen ununterbrochen neun Stunden wartend auf demselben Fleck. Etwa um 4 Uhr nachmittags wurde die Lagerprominenz aus dem Komman­danturarrest heraus an uns vorbeigeführt, um in bereit­stehenden Autos verschleppt zu werden. Es waren dies die sogenannten Ehrenhäftlinge. Man bemerkte darunter rumä­nische, ungarische und andere Generäle, ferner Pastor Nie­möller, den mutigen Vorkämpfer für Glaubensfreiheit, Schuschnigg , Léon Blum , den jetzigen französischen Regie­rungschef, Prinz Leopold von Preußen und seinen Sekretär, Thyssen und Dr. Schacht, Prinz von Bourbon- Parma u. a.,

-