Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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ZWÖLF UHR

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hatte ich mein Täßchen geleert, als die würdige Matrone bereits wieder hinter mir stand, um ein neues einzuschenken, und sie tat es nicht anders, bis ich endlich meine Tasse um­kehrte, um anzudeuten, daß es beim besten Willen nicht mehr so weiter gehe.

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Zum Schluß machte uns der Geistliche Rat als brillantes Festfeuerwerk die Mitteilung, daß das katholische Stadt­pfarramt 3000 Reichsmark stifte für abreisende Deutsche; und noch im Laufe des Gesprächs erhöhte er die Summe auf 5000 Reichsmark. Das war manchem eine willkommene Botschaft, denn wir stehen alle infolge des Raubes unseres Geldes völlig ohne Barmittel da. Als zum Schluß das Gäste­buch herumgereicht wurde, daß jeder eine letzte Spur seines Hierseins hinterlasse, trug ich mit dankbarer Feder Paul Gerhardts Vers ein:

,, Die Welt ist mir ein Lachen

mit ihrem großen Zorn,

was mag sie mir noch machen?

All Arbeit ist verlorn.

Die Trübsal trübt mir nicht

mein Herz und Angesicht. Das Unglück ist mein Glück,

die Nacht mein Sonnenblick!"

München , Mittwoch, 30. Mai 1945. Krankenhaus Schwabing.

Frei, ganz frei! Wie herrlich ist das! Wir können's noch kaum fassen; es ist uns, als ob wir träumten, und wir fürch­ten, im nächsten Augenblick unsanft aus dem Schlaf auf­geschreckt zu werden und drei Stock hoch im Schlafraum von Stube 2 aufzuwachen. Wir schlafen in weißüberzogenen Betten, jeder in seinem eigenen, und wir brauchen keine Angst mehr davor zu haben, daß morgens ein träumerisches Bein unversehens um unsere Nase baumelt.