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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
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gewachsen waren, an uns abgetreten hätte; ohne Paß und Parole tat sich die Tür auf, und wir traten in ein Zimmer ein, das sich wesentlich von denjenigen unterschied, zwischen deren Wänden sich unser Leben in langen Jahren abgespielt. Zwischen Fenstern, die Vorhänge schmückten, hingen wunderfeine Ölbilder. Und fast leer war der schöne Raum: nicht 200 oder 300, nein, kaum mehr als 20 Personen saßen drin an einem weißgedeckten langen Tisch und waren mit einer ungewohnt komfortablen Sache beschäftigt, nämlich große Kannen Kaffees und reichlich mit Kuchen bedeckte Platten zu leeren. Was den Kaffee betrifft übrigens aus echten Bohnen hergestellt, so brauchten sie ihn offenbar nicht einmal selbst einzuschenken, vielmehr wurde ihnen diese zeitraubende Bewegung von einem weiblichen Wesen abgenommen, welches, adrett und doch würdig gekleidet, nichts anderes zu tun zu haben schien, als hin- und herzueilen, die leergewordenen Kannen zu füllen und die Tassen neu einzugießen. Als wir eingetreten waren und uns ein bißchen verlegen umsahen, sprang nicht etwa ein losgewordener Kettenhund von einem Stubenpascha auf uns zu, um uns mit griesgrämigen Worten hinauszuweisen, nein, im Gegenteil, der Lagerälteste, der höchstselbst anwesend war, eilte auf uns zu, um uns in herzlichem Willkommensgruß einzuladen, Platz zu nehmen. ,, Bitte(, bitte! sagte er wirklich!), rückt ein wenig zusammen", und das geschah denn auch, und das Volksgemurmel, das entstand, hatte nicht das Geringste mehr zu tun mit jenem asozialen Murren, das uns von den Blockbegrüßungen so gut in Erinnerung war, sondern umsomehr von dem freudigen Empfangsbravo, welches bei gesitteten Gastmählern Europas der Brauch ist.
Wir gründeten also, wohlaufgenommen, eine eigene Niederlassung für Kaffeekonsum und bequemten uns gewissenhaft und schnell den neuen Lebensbedingungen an. Kaum


