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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
drüben wäre am andern Ufer! Dort lachte die Ungebundenheit! Und heute, heute waren wir so weit! O Stunde des Glücks und des Dankės, o lachender Sonnenschein, o ihr sattgrünen Wiesen und ihr Menschenbrüder alle, die ihr uns jetzt als Gleichberechtigten begegnet! Hört ihr die Glocken? Diesmal rufen sie uns nicht vergeblich, die Heimwehkranken spüren Heimatluft. Wir kommen, wir kommen, o seid gesegnet, die ihr uns ruft zu Gottes Altar!
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Die Gedenkstunde hielt der Geistliche Rat, Stadtpfarrer Y. von Dachau, ab. Es war eine eindrucksvolle Feier, dieses Requiem für 200 000 Tote. Von fünf Diakonen umgeben, amtierte er am lichterschimmernden Altar; die Tumba, das Massengrab versinnbildlichend, umstanden von langen brennenden Kerzen, wurde rührend bewacht von einer Schar lieblicher Mädchen, die ebenfalls Lichter in den Händen hielten und in ihrem wichtigen Amt verharrten bis zum erwünschten Schlusse. Ein Chor von edler Stimmgewalt gab die Responsorien unter Begleitung durch die Orgel, während sich die Gemeinde auf die Rolle der Hörenden beschränkt sah. Dem als Ehrengast erschienenen amerikanischen Kommandanten war ein Sitz in der Nähe des Hochaltars errichtet, indessen den übrigen ausgezeichneten Teilnehmern, den ehemaligen Gefangenen, die Bänke der vordersten Reihen vorbehalten worden waren. Eine Anzahl von ihnen war draußen geblieben aus Miẞmut darüber, daß die in Aussicht genommene weltliche Feier nicht genehmigt worden war.-
Die Weihrauchwolken steigen empor, die Musik bricht sich an den edlen Säulen, die das Gewölbe tragen und den Raum zugleich zieren; die Worte des Geistlichen Rats. dringen an die Herzen feierlich ernst, die Verbrechen. schonungslos Verbrechen nennend, der Toten und ihrer maẞlosen Leiden gedenkend und für die Dachauer Bevölkerung, deren Unschuld er hervorhob, gleichwohl um Mitleid und


