Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
283
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ZWÖLF UHR 283.

Reisepaß, der uns schwarz auf rosa allen einschlägigen irdischen Gewalten zu freundlicher Aufmerksamkeit und Bedienung empfahl. Da darf ich doch nicht krank werden,

und wenn auch alle Teufel hie sollten widerstehn!

Zwei bittereIropfen des Abschiedschmerzes fallen in den Kelch der Abschiedsfreude: Windgasse bleibt hier. Warum? ist mir eigentlich unerfindlich, da er das neuer- worbene Amt bei aller Pomposität unmöglich höher schätzen kann als die Erlebnisgemeinschaft, die ihn mit lockender Kraft zum violetten Häuflein ziehen müßte. Wahrschein- lich winkt ihm eine Gelegenheit, in kürzester Frist per Luft- post nach Wiesbaden befördert zu werden, dem Ziel seiner Wünsche, seiner Heimatstadt. Wozu dann den Umweg über München nehmen? Und auch den Knaben Hiob muß ich hier lassen; die Limousine wird für ihn keinen Platz lassen; den habe ich ihm weggenommen, ich Selbstsüchtling.

Ich muß nun noch eines Ereignisses gedenken, das An- spruch darauf hat, daß es nie aus dem Gedächtnis eines alten Häftlings ausgelöscht werde. Gestern, am Sonntag- nachmittag, ist in der Dachauer Kirche ein Gedenkgottes- dienst für die im Lager Gestorbenen und Hingemordeten gefeiert worden. Von uns sollte eine Abordnung in Stärke von 5o Mann daran teilnehmen. Im letzten Augenblick wurde auch ich, als Lückenbüßer, herausgerufen und freute mich der Ehre nicht wenig. Zum ersten Male als freier Mensch nach Dachau ! Ich fühlte mich wie elektrisiert. Un- willkürlich trat mir jenes Jahr vor das innere Auge, da ich täglich in der Gefangenenkolonne des Kommandos Wülfert in das Städtchen marschierte. Welch ein Unterschied: damals und heute! Die Gefühle, die mich bewegten, vermag nur ein Mensch zu ermessen, der in ähnlicher Lage war. Wie oft blickten wir damals sehnsüchtig über die Amper: wer