Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
282
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es FÜNF MINUTEN VOR. ZWÖLF

gierige Knochenhand würgte, um mir das Lebenslicht aus- zublasen. Ich erinnere mich aus der ganzen Lagerzeit nicht, mich jemals so elend gefühlt zu haben. Und kaum läßt der Griff nach und ich denke, ich sei wieder frei und könne aufatmen, da liege ich bereits wieder am Boden. - Was ists? Wer ists? Ists der, der uns nach Luther Tag und Nacht nachstellt, um uns zeitlich und ewig zu verderben? Gönnt er mir die Freiheit nicht; will er mich niederwerfen, kurz bevor die violette Limousine uns ins Freie entführt? Der amerikanische Doktor verschrieb einige Pillen, gab sich aber weiter keine Mühe, die Sache ernst zu finden. Besteht ein internationales Komplott. der Ärzte gegen den (ehemaligen) Häftling Nr. 16921?

Nun, es ist ja um so besser, wenn es sich nur umein Wölkchen handelt, das vorübergeht. Denn morgen sollen die Pfarrer endgültig abziehen; unwiderruflich zum letzten Male ists angekündigt, und zwar in zwei ordnungsmäßig nach Rom und Wittenberg aufgestellten Haufen. Seiner Eminenz, dem Herrn Kardinalerzbischof Michael von Faul- haber ist heute morgen in einem von Thurmann, dem Re- formierten, aufgesetzten und von Kreuzberger, dem Unier- ten, redigierten Schreiben für sein hoch- und weitherziges Anerbieten geziemend gedankt worden. Zugleich wurde das Bedauern der Briefschreiber ausgesprochen, von der wohlwollenden Einladung keinen Gebrauch machen zu können, weil bereits ein andersfarbiges Auto unser Finale übernehme.

Eine Wünschelrute ist uns gestern schon ausgehändigt worden in Gestalt eines Lebensmittelscheines, das heißt des Antrags unsers Komitees, den Inhaber mit einer Erhöhung der Rationen zu beglücken, weil er infolge des jahrelangen Aufenthaltes in dem Vernichtungslager Dachau schweren Schaden an der Gesundheit erlitten habe. Heute nun wurde das letzte Vermächtnis in unsere Hände gelegt, eine Art