Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
276
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27 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

finden wir, daß die Sache in eine andere Schublade einge- packt werden müßte. Pfingstmontag. Das Leben in der Freiheit bietet seine Überraschungen: Windgasse, der Evangelist, ist Lagerschreiber geworden. Wir staunen alle, denn ists auch nur ein Liliputlager, so ist's doch kein Liliputtitel, vielmehr bezeichnet er das zweithöchste Amt, das die Lagerhierarchie zu vergeben hat. Es zeigt sich, daß das bekannte Sprichwort vom Amt und dem Verstand auch in seiner Umkehrung richtig ist: Wem Gott den Verstand gegeben hat, dem gibt er auch ein Amt. Er macht seine Sache gut, das bezeugt ihm Rom nicht weniger als Wittenberg . Wären die beiden in allem so einig wie hier, es gäbe keine Spaltung mehr. Den Po- len, die angeblich zehn Kübel Fleisch versiebt hatten (Polen ist Herr des alten Lagers und damit auch Herr der Küche), hat er bereits eine Meldung geschrieben. Diese erste Amtshandlung trägt ihm die Achtung aller recht- denkenden Geister ein. Freilich auch die Wut jener Klique, die fürchtet, daß bei dieser Gelegenheit auch ihre Unregel- mäßigkeit an den Tag kommt.

Später. Das allgemeine Denken, Fühlen und Reden dreht sich um die endgültige Entlassung. Es geht allen viel zu lang- sam, ja man hält es mit der Auffassung von der Fixigkeit des Uncle Sam nicht für vereinbar, daß nicht. ein jeder bereits jetzt unter seinem heimischen Feigenbaum sitzen darf. Aber die Quarantäne! Ja, weiß man denn nicht, daß die Quarantäne eine wächserne Nase ist, die man drehen kann, wie man will?

Die Pfarrer, unter denen ich mich'nun endgültig einge- nistet, brauchen keine Angst zu haben. Für sie rühren sich