Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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Reihe nach ging, so daß die berufsmäßigen Schmarotzer an den Schwanz kamen und trotz ihrer wütenden Blicke ohne Nachschlag abziehen mußten. Taugte ich nicht zum Reformator?

SS- Lager, 15. Mai 1945.

Endlich sind wir soweit: wir sehen das Leben von der andern Seite. Wir haben den Bach überschritten. Gestern noch sahen wir das SS- Lager vom Häftlingslager aus, heute schon ist's umgekehrt, wir blicken voll Stolz durch den Stacheldraht auf die Blöcke herab, die das KZ ge­nannt wurden, lang, lang ist's her. Dazwischen ist unser Auszug aus dem Ägypten unserer Knechtschaft, die nun ein für allemal hinter uns liegt. Die Franzosen , Belgier, Holländer waren uns vorangegangen beim Überschreiten des Bachs. Polen , Tschechen und einige andere Völker­schaften sind noch drüben zurückgeblieben und haben nun das Heft allein in der Hand. Zwar wollte ich anfangs Männchen machen und drüben bleiben, denn ich bin des Wechsels so müde, so müde. Vor allem lag mir daran, von Kotter, dem Karlsruher Architekten, Heims Buch ,, Glaube und Denken" vorher zurückzubekommen; denn abgesehen von seinem unersetzlichen Eigenwert enthielt es auch wich­tige Manuskripte über das letzte Kapitel von Dachau . Aber ich fand den Guten nicht; er war nirgends zu entdecken, rein nicht! Niemand wußte etwas von seinem Verbleib, ein Rätsel, gewissermaßen das achte Welträtsel. Die Appelle taugten also doch etwas, zu ihrer Zeit wäre ein solches Verschwinden unmöglich gewesen. Wenn ich nicht ein gar so verstockter Verächter dieser Einrichtung wäre, so müßte mir eigentlich ihre Notwendigkeit jetzt einleuchten, nicht wahr? Und so schloß ich mich den Ausziehenden an.

Der Auszug nahm einen recht kläglichen Verlauf. Er war das reine Tohuwabohu. Zum Schluß fing ich wahrhaftig noch eine Ohrfeige; ehe ich mich's versah, hatte ich sie ge­