Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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wagen an der Spitze, uns aus der Höhle des Löwen be- freit haben.\

Von dem Vernichtungstransport ist es ganz still gewor- den. Ein tiefes Schweigen ruht über dieser Angelegenheit. Wer weiß, ob das Dunkel jemals gelüftet wird, das sie bedeckt?

Sonntag Exandi, 13. Mai 1945.

Gestern traf überraschend Eisenhowers Befehl ein, von einem General des Hauptquartiers überbracht, daß das Lager innerhalb einer Woche geräumt sein müsse; am Pfingst- montag sei es den Flammen zu übergeben, zu welchem Schlußakt sich der Oberkommandierende selber einfinden werde. Die ehemaligen Bewohner dieser Stätte des Grauens können zu diesem Plane nur Beifall klatschen. Möge die Asche in alle Winde zerstreut werden, damit die Erinne- tung an all die Untaten, die hier geschehen, möglichst bald mit ihren Atomen aus unserm Gedächtnis getilgt seil

Sonderbar, nun es ernst wird und der seit Jahren her- beigeschnte Augenblick in seiner ganzen Schönheit vor uns steht, will es uns doch ein wenig unsicher zumute wer- den. Es geht uns wie einem Seereisenden, der nach langer Schiffahrt zum ersten Male wieder das feste Land betreten muß. Er taumelt zunächst und hat sich erst wieder an den Boden mit seiner Festigkeit zu gewöhnen. So auch wir. Vor allem macht uns die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse zu schaffen, die draußen auf uns warten. Gewiß, wir sind bereit, unser Schicksal zu schmieden. Aber wie sollen wir schmieden, wenn weit und breit weder Amboß noch Ham- mer noch Eisen zu erblicken sind? Wie werden wir. unsre

‚Lieben treffen und wo? Was ists mit unsrem Beruf? Mit

unsrem Geld? Da wir die auf unsre Konten eingezahlten Beträge bis heute noch nicht zurückerhielten, so stehen wir vollständig ohne Mittel da. Kurz, hundert Fragen und