Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
263
Einzelbild herunterladen

ZWÖLF UHR

263

1

S

r

5,

e

ES

1,

3.

e

n

it

e

1

3

B

er

e

u

e

n

Er

as

S

r

-

sah. Ich atmete aber auf, als ich bemerkte, daß er die Linie ungefährdet überquerte. Nur noch ein Schritt, und er war bei der Mütze! Da päng! ein Schuß, und der Unglück­liche überkugelte sich, kurz vor dem Ziele zu Tode getroffen. Er hatte es nicht erreicht, wohl aber das Land, in welchem er keine Mütze mehr brauchte. Dies war das erstemal, daß ich selbst Augenzeuge davon wurde, wie ein beliebtes Mittel, Staatsfeinde zu beseitigen, angewandt ward. An jenem Tage kehrten 7 Häftlinge, die mit uns morgens zur Arbeit aus­gezogen waren, nicht mehr lebend auf den Block zurück; ihnen allen war der Verlust ihrer Mütze zum Verhängnis geworden. In die Akten schrieben sie den lakonischen Ver­merk:, Beim Fluchtversuch erschossen!"

Unheimlich ging es auch an jenem schönen Frühlings­morgen zu, dessen Datum ich mir, freilich aus einem beson­deren Grunde, lange gemerkt, nun aber infolge der allge­meinen Lager- Gedächtnisschwäche doch wieder vergessen habe: nicht weniger als 60 Gestreifte waren bei strahlendem Sonnenschein unter harmlosem Vogelgezwitscher und im Duft von Heilkräutern über die Postenkette gejagt und auf diese Weise hingerichtet worden im Namen des nichts­ahnenden deutschen Volkes und zu Ehren seines sogenannten Führers. Wir waren infolge der großen Anzahl der Leichen gezwungen, den, Moorexpreß zu benutzen, ein Vehikel, das auf Autorädern läuft, aber von Menschen-( lies: Gefan­genen-) hunden geschoben wurde. Wir hatten alle Todesangst ausgestanden, denn keiner war sicher gewesen, ob ihm nicht im nächsten Augenblick die schwere Aufgabe gestellt wurde, seine Mütze oder seine Harke von jenseits der Todeslinie zu holen und dabei selbst im Jenseits liegen zu bleiben."

12. Mai 1945.

Sie haben nun alle ihr schwarzes Brett an der Lager­en straße, nur wir Deutschen suchen vergeblich nach dem uns­