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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
gedehnt wissen will, auf ihre jüngsten Glieder, die, sagte er, meist zwangsweise in diesen Orden hineingepreẞt worden sind. Er war, als schon alles zur Ruhe gegangen war, noch einmal vor die Blocktür getreten. Im Lager herrschte Ruhe, nur ein Schuß krachte noch da und dort, die nächtliche Stille zerreißend, und eine angenehme Kühle taute herab vom Firmament, dran die flimmernden Sterne hingen. Er gesellte sich zu einigen dunklen Gestalten, welche eben dabei waren, Zukunftsgarn zu spinnen. Der das Wort führte, war einer der verwegenen Gesellen, die nicht ganz selten sind unter uns, und die schlecht Widerspruch ertragen können. Er war von Saarbrücken und bekundete seine Absicht, gleich nach seiner Freilassung sich dorthin auf den Weg zu machen. Denn das dortige KZ bedürfe dringend seiner Anwesenheit. Es werde ja jetzt gefüllt sein mit jenen, welche uns hereingebracht haben; und er werde darum bitten, daß man ihn zu ihrem Kommandanten mache. ,, Was meint ihr", rief er aus, erfüllt von der Rolle, die er dann zu spielen gedachte ,,, was meint ihr, wie es da aufgehen wird mit Stockhieben, mit Ochsenziemer, mit Hungerleiden und allen Schikanen, die wir hier kennengelernt!" Der Biblizist, so sehr er die blutrünstigen Bilder dieser Zukunftsschau gewöhnt war, konnte sich doch nicht enthalten, als der Redefluß einen Augenblick aufhörte zu wallen, darauf hinzuweisen, daß dieses Faẞ doch ein gehörig Löchlein habe, aus dem der Wein immer rascher auslaufen müsse. In die Stille der nächtlichen Pause hinein, die entstand, fragte er: ,, Was hätte sich denn dann geändert? Wenn doch alles beim alten bleiben soll, wozu haben wir uns dann hier einsperren lassen? Ein Rad wird das andere treiben, und das letzte wird schlimmer sein als das erste!" Der Capo, ein solcher war der Vorredner gewiß, war zunächst sprachlos über die Offenbarung einer solchen weltfremden, unzeitgemäßen Seelenstimmung. Als er sich


