Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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ZWÖLF UHR

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und wohin? ,, Ach", klagt er beweglich ,,, ihr könnt mich in einen Fettnapf stecken, könnt mich mit Ovomaltine an­streichen und mir mit Brei den Magen pflastern ich möchte heim!" Dittmer, der Hüne, melancholisch fürchtet er, daß er das Pfarrhaus ohne die Pfarrfrau antreffe, wenn überhaupt das Pfarrhaus noch steht. So trägt jeder die Last der Ungewißheit mit sich herum und wünscht den Tag herbei, an welchem er sie los werden wird. Mit dem Legionär aus Stuttgart führe ich wahre Streitgespräche in dieser Sache. ,, Ha, mir sind doch net frei! Guck doch, mir sind erschd frei, wenn mir da Stacheldraht hinter uns habet!" hält er mir entgegen, wenn ich den Standpunkt verfechte, daß wir seit dem denkwürdigen Sonntag, dem 29. April, um 26 Uhr des Abends, keine Gefangenen mehr seien. Und viele halten's mit dem Legionär, dessen handfeste Beweis­führung allerdings den Schein der Wahrheit für sich hat. Wer, wie der Biblizist, Tag und Nacht in der Luft des Glaubens lebt, welcher am Unsichtbaren festhält, als sähe er es, wer sich täglich darin übt, den ewigen Dingen, die er nicht schaut, eine größere Wirklichkeit zuzuschreiben als den irdischen, die er sieht, für den hat es nichts sonderlich Befremdendes zu sagen: ,, Ich bin frei, selbst wenn mich der Stacheldraht noch umfängt." Für die andern ist es eine allzugroße Zumutung, sich von den übermächtigen Ein­drücken des Augenblicks freizumachen und den Widerspruch zu ertragen: gefangen und doch frei!

Dem Biblizisten soll die Zunge aus dem Schwabenmund gerissen werden! Das ist wenigstens die Forderung, die ein sehr würdiger Gestreifter kurz und bündig zu stellen ge­ruht. Und was ist der Grund, aus welchem der Ärmste dieses wertvollen Gliedes so grausam beraubt werden soll? Etwa, weil sich diese Zunge für die Grausamkeit, nein, weil sie sich für die Milde des Mitleids ausgesprochen hatte; ja noch mehr, weil er das Erbarmen auch auf die SS aus­

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