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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
sei. War es früher bei der Gefahr, von einer Kugel getroffen zu werden, verboten, sich nach dem Abpfeifen noch außerhalb des Blocks sehen zu lassen jetzt beweisen wir jedermann aufs eindrücklichste, daß wir zu übernachten verstehen, wo es uns beliebt, und wenn wir unsern Strohsack auf das Blockdach hinaufschleppen müssen. Uns soll kein Mogul und kein Pascha mehr was in die äußeren oder inneren Bezirke unsres Lebens hineinreden. Und so haben sie heute nacht auf dem Dach und unter dem Dach geschlafen, auf Karren und Wagen und darunter oder daneben, ganz wie es der Laune des Augenblicks einfiel oder sich der Hitze wegen empfahl, welche das Frühjahr ohne Übergang in den Hochsommer verwandelt hatte.
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Abends.
Die Holländer sind es, die das Lager als erste verlassen werden. Sie kommen fort noch nicht in die Heimat, noch nicht einmal nach Dachau , nein, vorläufig nur über den Bach ins SS - Lager, das auf dem andern Ufer liegt. Es ist nur der erste Schritt, aber doch wenigstens ein Schritt, in die volle Freiheit. Das ganze Denken und Fühlen der Kumpels kreist jetzt, nachdem die ersten Eindrücke des großen Erlebnisses der Befreiung verebbt sind, verständlich genug um die Heimat. Nichts als hinaus aus dieser Stadt der Qual, dieser Dachau - Gehenna! Die Unruhe wächst, kein Plätzlein ist sicher genug, um eine symbolische Vertretung des Heimatbodens auch nur andeuten zu können. Kein Zuspruch will mehr verfangen: ,, Hab' Geduld! Hast du's schon so lange ausgehalten, so kommt es auf ein paar Wochen auch nicht mehr an!" Den Knaben Hiob und mit ihm Ungezählte bewegt die Frage: Sind sie noch am Leben, der alte Vater, die unermüdliche Schwester, die Neffen und Nichten, an denen sein Herz mehr hängt als mancher Vater an seinen Kindern? Wo stecken sie? Sind sie verschleppt


