ZWÖLF UHR
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253 sie aufzustechen, wobei ein ungewöhnlich Rüchlein von Korruption den Prüfenden in die Nase sticht. Das Revier galt als Zufluchtsstätte dunkler Machenschaften. Es steht fest, daß es mittels gewisser, scheinbar harmloser Spritzen die getarnte Hinrichtungsstätte der SS war. Wie man hört, sind fast alle sogenannten Pfleger( die ihre Aufgabe, die Kranken zu Tode zu pflegen, treu erfüllten) und der größte Teil der Hilfskräfte entlassen worden. Notabene: die Periode, während welcher bereits früher einmal etwa ein Jahr lang Pastoren das Heft in der Hand hatten, war die eigentlich humane Zeit, nach der sich die Kranken alle zurücksehnten.
Von Heidensepp, dem ehemaligen Reviercapo, der auf Grund seiner Verdienste um die Gesundung seiner Mithäftlinge vor etwa einem Jahr entlassen worden ist, gehen Geschichten um, welche auf besagte Verdienste ein sonderbares Licht werfen. So wird von Benzinspritzen gemunkelt, die er gewissen Kranken mit dem verblüffenden Erfolg persönlich verabreichte, daß sie gleich vom Leben und damit auch von ihrem Leiden innerhalb weniger Minuten erlöst wurden. Der Pole Mustafowitsch erzählte mir als Augenzeuge folgendes: Es war ungeschriebenes Gesetz, daß ,, Achtung!" gerufen wurde, wenn der Heidensepp in die Krankenstube trat. Jeder hatte dann strammzustehen; selbst die Bettlägerigen mußten dem hohen Besuch durch gerade Haltung Rechnung tragen und dies zeigen, indem sie die Arme auf der Decke forsch an die Seite legten. So kam der Gewaltige eines Tages herein, ,, Achtung!" wurde gebrüllt, alles stand oder lag stramm bis auf einen schwerkranken polnischen Pfarrer, der den Befehl offenbar überhört hatte oder ihm aus Schwäche nicht nachkam oder überhaupt noch nicht in die Etikette eingeweiht war. Heidensepp wurde der Nachlässigkeit sofort inne, trat zu dem Kranken und fragte ihn nach Namen und Volk. Beides fiel


