252 FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
Tag unsere Blöcke in Alpträumen von der Luft aus beharkt ‚und vernichtet sah.
Vorgestern ein Viertel Brot, gestern ein Drittel, heute gar ein halbes— wenn es so fortgeht, wird jeder unserer so brotmageren Spinde bald in einen Bäckerladen verwan- delt sein. An der Lagerbörse herrscht eine wahre Baisse, ein ruckartiger Preissturz für das Brot. Nur noch Süßig- keiten sind gefragt, Zucker, Schokolade, Fruchtpasten. Auch Tabak ist begehrt. Schade, daß meine Vorräte so sehr zu- sammengeschmolzen sind. Die Diebereien hatten das größte Loch hineingerissen; und dann der Rucksack. Aber das war lebensnotwendig, und ich kann den Handel nicht bereuen. Der Knabe Hiob hat für diese nüchternen alltäglichen Dinge keinen Sinn. Ich hätte gern einen Tausch mit ihm gemacht, aber er verachtet, ob er gleich selbst dem Han- delsstande angehört, den Tausch und zieht die Rolle des Wohltäters vor. Ich aber bin der Meinung, daß es uns in unserer Lage, wo jeder kaum das zum Leben Notwendige und keiner etwas zuviel hat, genügen muß, miteinander einen Handel abzuschließen, der darin die Probe der Ehr- lichkeit besteht, daß jeder dabei auf seine Rechnung kommt. Ein großzügiges Wohltun, so herrlich es auch wäre, gehört für arme Bettler zum Luxus, den sie sich nicht leisten können. Das klingt nicht sehr poetisch, ist dafür aber echt lutherisch nüchtern. Luther hat sich immer wieder gegen die Werke gewandt, die nach außen viel scheinen, aber aus einem verkehrten Trieb aufs Außerordentliche hervorgehen. Wenn ich nichts habe, kann ich nichts geben; aber vor Gott ist ein freundlich Wort oder ein mitleidender Gedanke so hoch angesehen wie eine Geldgabe. Sonst wären die Armen von der köstlichen Freude ausgeschlossen, vom Glück, das im Wohltun liegt.
Eine recht eigentliche Pestbeule war am Lagerleib das Revier, und zwar in vieler Hinsicht. Man ist just dabei,


