Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
246
Einzelbild herunterladen

246

FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

Säcken und Päcken, in Kisten, Tornistern und Schachteln auf den Block, um den Inhalt in Strohsäcken und sonstigen ähnlich geeigneten Behältern zu verstauen. Da ist jedes volkswirtschaftliche Gut vertreten vom Nähzeug bis zur Schreibmaschine. Es ist, als ob in viele ein Kobold gefahren wäre, der sie gierig machte, mit einem Mal zu erraffen, was ihnen so lange vorenthalten worden war, den Parias, den Untermenschen, den sogenannten Verbrechern. Nur, wo ist der Möbelwagen, der bereitsteht, den ganzen Hausrat hinauszuschaffen? Das Ganze ist eine Transportfrage; wer sie löst, ist Millionär, wer nicht, ist Museumswärter. Wir der Knabe Hiob und sein Freund, der Grobschmied behalten daher ruhig Blut und lassen uns nicht anwerben zum modernsten Kommando. Aber während der Knabe Hiob um des Nachschlags willen einen Schreiberdienst an­genommen hat, verzichte ich auf alles, denn mir ist eine Stunde Schlaf lieber als sämtliche Ehrenämter und Nach­schläge sämtlicher KZ der Welt.-

-

Wie mag es den Freunden gehen, die mit dem Transport gingen, Fabisch, dem Parolenmüller, Lobhausen, dem edlen Priester, und so manchem Guten, Treuen, den wir vermissen, und mit dem wir so gerne die schönen Tage gefeiert hätten?

,, Wann werden wir endgültig frei? Wann dürfen wir ' raus?" Das ist die brennende Frage, die jetzt in aller Munde ist. Die meisten hatten sich die Befreiung anders vorgestellt, nämlich so, daß wir schon am zweiten Tage in nicht enden­dem Zuge durchs Tor stürmten. Nein, so schnell schießen auch die Amerikaner nicht. Im Gegenteil, sie lassen sich Zeit, denn sie haben Zeit. Zunächst ist eine sogenannte Quaran­täne verhängt von mindestens 14 Tagen, und was dann kommt, werden wir sehen. Warum gleich schwarz sehen? Manche sehen nun vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, tun, als ob die Hauptsache nicht hinter uns läge. ,, Mir kommet nimmer raus, nia meh!" murrt der Legionär und

S

2

1

I

f

1