Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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quiriert zu sein). Diese beiden Reden waren indessen nur Vorreden. Die Rede selber hielt der Lagerälteste, der In- haber des höchsten Lageramts, der inzwischen erschienen war. Es war ein Mann im mittleren Alter mit schneidigen Zügen und ebensolcher Stimme. Oskar nennt ihn die Lager- seele mit der falschen Vertraulichkeit unseres Zeremoniells. Ursprünglich Lagerältester-Stellvertreter, ist er in die Nach- folge des hingerichteten Armeniers eingetreten, gebe der Himmel nur in der amtlichen Eigenschaft. Er ließ in längerer, im Tone des Befehlshabers vorgetragener Aus- führung die Katze aus dem Sack, nämlich einen Aufruf zur Sammlung aller Antifaschisten, die, in Dachau entstanden, in ganz Deutschland verbreitet werden solle. Mir wollte es an der ganzen Sache nicht gefallen, daß alles so rein negativ gehalten war. Wenn wir uns nur im Nein einig sind, so ist. es gefehlt: wir müssen zum Ja des Neuaufbaus vordringen. Das Ja allein gewinnt den Sieg. Kurz und gut, zum Schluß

- brachte der PunktWahl des Komitees die erleichternde

Erleuchtung, daß gar nicht gewählt zu werden brauchte, weil die Erwählten schon da waren in der Person der drei Redner. Da sie die Initiative ergriffen hatten zu dem ohne Zweifel notwendigen Werk, waren sie gewiß auch dazu ge- eignet, es durchzuführen. Allerdings hätte ich gern unsern alten verdienten Hubersepp in Vorschlag gebracht, doch war die Zeit vorüber, und nicht einmal eine Aussprache war mehr möglich. Sonst hätte ich Lust gehabt, einige teils ein- schränkenden, teils ergänzenden Randbemerkungen zu ma- chen. Gern hätte ich darauf hingewiesen, daß wir Reichs- deutschen überrascht seien von dem Eifer, mit dem uns plötzlich die Fürsorge unserer Landsleute angeboten werde, von welcher die große Mehrzahl derselben all die Jahre hindurch herzlich wenig gemerkt hätten. Und was die Stimmung der Ausländer gegen uns betreffe, so sei sie doch

- nicht ganz unerklärlich, wenn man bedenke, daß ihnen ein

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