Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

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nicht!" Man hatte mit einer steigenden Leiter der Speise­genüsse gerechnet, die wer weiß in welchem fürstlichen Ge­deck enden werde, und nun Drahtverhau! Was tut der Mensch nicht alless, um sich der lästigen Pflicht des Dankens zu entschlagen! Im Handumdrehen haben wir einen Grund gedrechselt, der es uns erlaubt, uns von dieser anstrengen­den Beschäftigung zu dispensieren. Der Knabe Hiob gehört nicht zu diesen kalten Naturen. Er lobt seinen Schöpfer, indem er sich's schmecken läßt, und hat nichts dagegen ein­zuwenden, wenn sie ihm ausnahmsweise einen Nachschlag zubilligen vom Drahtverhau.

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In der Schneiderei wollten sich heute abend die Deutschen versammeln, um ihre Lage zu besprechen, die darin besteht, daß sie überall an den Schwanz kommen. Unter Tuchlappen, Nähmaschinen und allen Zeichen jenes Handwerks, das aus, den Ruinen neues Leben aufblühen läßt, nahmen wir Platz. Punkt halb neun Uhr ergriff ein ziemlich junger Mann mit dem Buckelkreuz das Wort, nachdem er mit angenehm energischer Stimme Ruhe geboten hatte. Er stellte fest, daß der Lagerälteste, der die Versammlung einberufen hatte, noch nicht da sei. Da es aber die Kürze der Zeit gebiete, daß pünktlich angefangen werde, so tue er es. Ein anderes jüngeres Semester, angeblicher Professor von Köln , ebenfalls mit dem Kreuz auf dem Buckel, löste ihn ab und legte die Gründe in langer sympathischer Rede dar, warum es nötig sei, ein deutsches Komitee zu bilden, nämlich aus dem ein­fachen Grunde, weil wir sonst unter den Schlitten kämen. Sie, die Redner, hätten nun, weil es höchste Zeit gewesen, wenn sich die Nacht der langen Messer nicht nachträglich doch noch einstellen solle, die Initiative ergriffen mit dem Erfolge, daß bereits andern Tags eine Kanzlei könne eröff­net werden; es fehle nur noch Rundfunkgerät und Schreib­maschine( die nötigen Polstersessel scheinen also schon re­