ZWÖLF UHR
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6. Mai 1945,
Sonntag Rogate.
Die Hochflut der Gefühle, die uns auf majestätische Gipfel schleuderte, weicht fast unvermittelt einer körperlichen und geistigen Erschlaffung. Der geringen Fassungskraft unserer Seele ist durch die Wucht der Ereignisse mehr zugemutet worden, als sie verkraften konnte. Völlig erschöpft und zerschlagen schleppe ich mich zum Pfarrerblock, um in der milden Luft dieser gemäßigten Zone menschlichen Empfindungslebens ein wenig Erholung zu suchen. Bei uns sind alle Teufel losgelassen; wieder einmal stehen unsere Blöcke unter dem Wetterleuchten der altlateinischen Menschenkenntnis: ,, Homo homini lupus"... der Mensch ist für den Menschen ein Wolf. Es ist, als ob sich über Nacht wieder alle Hunde der Leidenschaft von den Ketten losgerissen hätten, an die wir sie bereits gefesselt glaubten, und die überfüllten Stuben zum Schauplatz ihrer Dämonien machen wollten wie in Zeiten, die noch nicht sehr lange hinter uns liegen. Es brodelt wieder auf im Hexenkessel der Lagerseele wie ein Kampf aller gegen alle, so daß der Biblizist Anlaß hat, unter die keifenden Weibern gleich sich gebärdenden Freiheitskücken mit beschwörender Gebärde zu treten und ihnen zuzurufen: ,, Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Ist das der Dank für eure Befreiung? Fallt euch um den Hals, marsch, statt ihn euch umzudrehen!"
So ist aus dem Glutrausch des ersten Erlebens das Auf und Ab und das Ab und Auf des Meeres der Alltäglichkeit geworden. Das Gold des unmittelbaren Empfindens beginnt zu erbleichen. Gestern mittag hat es Drahtverhau gegeben( von der allerbesten Güte; es war gewiß nicht das Geringste an ihm auszusetzen, noch vor acht Tagen hätten wir uns die Finger danach geleckt). ,, Schon wieder Drahtverhau!" hieß es. ,, Was, Drahtverhau den mag ich
Fünf Minuten vor Zwölf 16
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