Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ZWÖLF UHR

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Gast, der so gut wie ganz verbannt war im Gebiet der Stacheldrähte. Wenn der Biblizist zwei Zankhähnen, die sich in den Haaren liegen, halb lachend halb drohend den Rat gibt: ,, Fallt euch lieber um den Hals und küẞt euch wie die Polen !", so wird die Aufforderung glücklicherweise zwar nicht wörtlich befolgt, aber doch mit einem Lächeln beantwortet und nicht wie früher mit einem Granatenschuß. Das ist ein bedeutender Fortschritt zur Entspannung, wie jeder Professor der Seelenkunde bestätigen wird.

Ein wichtiges Dokument macht die Runde durchs Lager. Es ist der Geheimbefehl Himmlers , der sich mit dem end­gültigen Geschick der Häftlinge beschäftigt und ziemlich deutlich die Richtlinien zeichnet für den Fall eines Falles. Und zwar gab die Vorsehung mit dem Zwicker" am 14. April 1945 folgende Anweisung an ihre ausführenden Organe:

دو

,, Die Übergabe kommt nicht in Frage. Das Lager ist sofort zu evakuieren. Kein Häftling darf lebendig in die Hände des Feindes kommen. Die Häftlinge haben sich grauenhaft gegen die Zivilbevölkerung von Buchen­wald benommen.

gez.: Heinrich Himmler ."

Wir schwebten demnach in der allergrößten Gefahr, denn über die wahre Bedeutung der besagten Anordnung, keiner von uns dürfe lebend in die Hände der Feinde fallen, kann kein Zweifel bestehen. Auch darüber nicht, daß die Lager­leitung das Richtige getroffen hätte im Sinne ihres aller­höchsten Auftraggebers, wenn sie das Lager durch Flammen­werfer in Brand setzen wollte, eine Absicht, deren Aus­führung nur das unerwartet schnelle Vorrücken des Sternen­banners vereitelte. Man sagt, daß die amerikanische Eile folgendem Umstand zu verdanken sei: Der Dachauer Volks­