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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
damit die Giftpflanze mit der Wurzel ausgerauft sei und nie mehr solche Blüten treibe.
,, Sanctus Sanctus Sanctus
Est Dominus Sabaoth..."
Abends.
Gottesdienst bei den Polen , die einen leistungsfähigen Magen für langdauernde religiöse Feiern haben. Es handelt sich wohl um ein Requiem für Gefallene. Die Musik, welche die Gesänge begleitet, schmeichelt sich in sanften Harmonien in Ohr und Herz. Man überhört darüber die brüchige Stimme eines alten Priesters, der mit großer Andacht, aber geringer Kunst das„ Requiescant in pace" anstimmt. Mit großer Treue haben sie diese Kleinodien durch die Zeit der Verbannung bewahrt, um sie aus den Verstecken wieder hervorzuholen, sobald es ihnen die Umstände erlaubten. Die Zeit der Katakomben, sie ist zu Ende; wir können unsern Befreiern nicht genug dafür danken, daß auch die Schranke gefallen ist, die uns vom Heiligsten trennen wollte... War es uns doch noch vor einer Woche bei Strafe von 25 Hieben mit dem Gummiknüppel verboten, auch nur den Pfarrerblock, geschweige die Kapelle zu betreten!
Zum ersten Male seit langer Zeit habe ich wieder das Gefühl, nicht nur voll, sondern satt zu sein. Das ist eine Wohltat und des Dankes wert, wert auch eines Eintrages an dieser Stelle. Wir haben es zur Genüge erfahren, wie eng Leib und Seele zusammenhängen, ja, wie sie gewissermaßen nur verschiedene Seiten derselben Sache, unseres Willens, sind. Schon machen sich die wohltätigen Folgen bemerkbar. Die hysterische Reizbarkeit, die verrückte sinnlose Hast, die unersättliche Gier, die jähen Ausbrüche und die menschenfeindlichen Ergüsse all das nimmt bereits ein wenig ab. Schüchtern wagen sich Versuche zu höflichen Grüßen hervor, ohne auf herzlose Zurückweisung zu stoßen. Der Sinn für Humor beginnt sich wieder zu melden, ein
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