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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
geschoben. Was er darin sah, ließ das Blut in seinen Adern erstarren. Übereinandergeschichtet lagen sie drin, Menschen in der gestreiften Kleidung der Häftlinge, aber regungslos, starr, tot, mit verzerrten Gesichtern. So war es also doch kein bloßes Phantasiegebilde, das Gerücht, das durch das Lager ging und von einem Unglückszuge wissen wollte, in welchem Gefangene aus Buchenwald angekommen seien; die meisten als Leichen. Janek lief den Zug entlang, 50 Wagen zählend und in jeden hineinspähend, um festzustellen, ob nicht Landsleute von ihm dabei wären. Vielleicht, daß einer noch lebte und er ihm Hilfe bringen konnte.
Als die Amerikaner den Zug entdeckten und die Wagen öffneten, standen sie dem Schrecknis fassungslos gegenüber. Es ergriff sie eine solche Empörung, daß der Kommandant befahl, keinem SS- Mann Pardon zu geben und Dachau dem Erdboden gleichzumachen. Ein Fußfall des katholischen Stadtpfarrers und des Bürgermeisters allein rettete, wie man hört, dem Städtchen das verwirkte Leben.
Ach, aber ihr toten Brüder, ihr seid nicht mehr zum Leben zu erwecken! Zu spät kam die Hilfe, die uns noch im letzten Augenblick von dem Rand desselben Abgrundes zurückriẞ, in welchen ihr gestürzt seid, eine Minute vor zwölf! Wollte Gott , ihr wäret die letzten Opfer jenes Ausbruchs der Hölle!
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Die Bergeslast, die auf unsere Schultern drückte, und die uns über kurz oder lang zum Erliegen gebracht hätte, wie eine Flaumfeder ist sie über Nacht weggeblasen worden. Erlöst atmen wir auf, heben das Haupt in die Höhe, das zu Boden gewandt war, und richten die hellgewordenen Blicke ins Freie, in das Licht der Sonne, in welchem wir die ganze Schöpfung neu schauen, bereit, wie Brüder zu umarmen alle, von denen wir bisher getrennt waren. Zwar gibt es kleingläubige Gemüter, die es noch immer nicht lassen können, ins Dunkel zu starren, zu hassen, zu sorgen


