ZWÖLF UHR
,, Na, gute Nacht denn!"
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,, Auf Wiedersehen."
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Die
Menge zerstreute sich, teils froh, das Schlimmste nicht mitansehen zu müssen, einen Galgen, an dem ein betrogener Betrüger baumelt; teils unmutig, daß ihnen ein Schauspiel entgangen war, welches ihrem Vergeltungsverlangen Rechnung getragen hätte. Mich befiel auf dem Rückweg ein Schrecken, als ich erwog, was für ein abgrundtiefes Geheimnis es ist um unsere Entscheidung für oder gegen Gott . Verhärtung oder Umkehr, beides lag noch vor wenigen Wochen im Bereich seines Willens. Vor mir tauchte das Bild einer Wachtstube auf, in der ein grauhaariger Mann ein sonderbares Verhör geleitet hatte. Zum Schluß entdeckte er bei dem Delinquenten ein Buch in dem Augenblick, als dieser es vom Boden aufheben und möglichst ungesehen im Gefangenenrock verbergen wollte. Es war eine russische Grammatik. Der Besitz kostete den Häftling eine Ohrfeige. Doch beim Blick in das Buch fällt dem ungerechten Richter ein Lesezeichen in die Hände, ein einfaches Blättchen, auf welchem das Gebet eines berühmten Theologen, Adolf Schlatters, gedruckt stand. Der Mann stutzte. War's nicht ein völlig fremder Klang, der an sein Ohr drang, eine Stimme aus der Ewigkeit? War's nicht wie ein Ruf, ein letzter Ruf, innezuhalten im Rennen auf den Abgrund zu? Willst du ihn hören, ungerechter Richter, den Ruf des gerechten Richters? Noch ist es Zeit, aber wie lange noch? ,, Wie kommt das dahinein?" Der Gefangene wollte antworten: ,, Zufällig." Nein, nicht Zufall war's: zwei Monate noch, und du stehst am selben Ort, doch nicht mehr als Richter, sondern als Angeklagter!- Die Entscheidung fiel, sie fiel gegen die Gerechtigkeit. ,, Mit den Muckern werden wir auch aufräumen, und zwar bald", sprudelt es verächtlich aus ihm heraus. Statt der Wendung- Verblendung!
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O Ernst der Entscheidung, abgrundtiefer Ernst! Ob sich dem Verblendeten, wenn ihm kurz vor dem Ende sein


