Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ZWÖLF UHR 229

wallen auf weißen Tüchern dem Beschauer entgegen und rufen ihn auf, sich mitzufreuen: Pamieci zamordowanych braci! Dann auf englisch eine Verbeugung vor den Amerikanern: Ihe Polish salute their Liberaters!

Am Abend des 3. Mai 19345.

Großer Auflauf der Gestreiften; alles rennt zum Platz nach vorn, ganze Blöcke rücken an. Am Ende des geist- lichen Blocks marschiert Windgasse, der Evangelist. Was ist denn los? frage ich.Wir müssen antreten ihr nicht? Böttcher wird hingerichtet! anwortet er. Ich schließe mich an, wenn auch widerwillig. Der Platz ist schwarz von Neugierigen; ich werde an ein Bild erinnert, das ich in meiner Jugendzeit von Savonarolas Hinrichtung gesehen. Auf das Dach der Kantine waren sie geklettert, am Radio- mast hingen sie als Trauben in halsbrecherischer Stellung, die fürchten ließ, daß sie noch vor dem Delinquenten das Zeitliche segnen müßten. Man gierte danach, den Mann zu sehen, dessen Anblick noch vor einer Woche manchen er- zittern machte.Wo ist er denn, der Verbrecher? ‚Dort! Siehst du ihn nicht auf dem Balkon? Der mit dem Plakat! Ach, haben sie ihm selber eins umgehängt? Geschieht ihm recht! Mag er selbst einmal auslöffeln, was er den Aus- reißern eingebrockt!Ich glaube, es steht auch was drauf?Natürlich, was er uns immer draufschrieb: Ich bin schon wieder da! Alles bricht in Lachen aus.War er denn durchgebrannt?Mensch, du weißt ja gar nichts! Natürlich! Verkleidet hatte er sich als bayerischer Bauer, da entdeckten ihn zwei Tschechen und entlarvten ihn!

Ja, der Bumerang, den der Unselige, ach, wie oft in die Lüfte schleuderte, jetzt kehrt er zurück und trifft ihn mit unbarmherziger Wucht.© Gott, wie gerecht sind deine Wege!