Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
228
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238"FUNF MINUTEN VOR ZWOLF

Abends. Ein lieber Freund kann sich gleich dem Knaben Hiob nicht zu ungehemmter Dankbarkeit für die wunderbare Befreiung aufschwingen. Es droht ihm nach seiner Meinung Gefahr von einigen Übereifrigen, die schon seit einiger Zeit Wind davon bekommen haben, daß er in seinen Studien- jahren Mitglied der SA gewesen ist. Sie machen ihm darob ordentlich die Hölle heiß. Ich suche ihm die Angst vor den gefürchteten Folgen auszureden,-sage ihm, daß sich die Sache doch recht harmlos ansehe. Wer werde im Ernst eine Suppe aufwärmen, die vor einem Vierteljahrhundert an- gerührt worden ist? Indessen findet er immer neue Gründe der Selbstquälerei. So entdeckt er zu seiner Bestürzung, daß die Fragebögen, die uns vorgelegt werden, unter andern neugierigen Fragen auch die sehr heikle aufwerfen, ob er zu irgendeiner Zeit seines Lebens Mitglied derBewegung gewesen sei. Er ist fest davon überzeugt, daß ihm das seine Haft um Jahre verlängere. Ich lachte ihn ob dieses Aber- glaubens tüchtig aus, doch nur mit geringem Erfolg. Das wäre ja noch schöner, wenn wir mit einer Neuauflage dieser jetzt veralteten Einrichtung rechnen müßten! Da hätte ja Hitler doch gesiegt. . Der Feldgottesdienst für die gefallenen Polen ist unter großer Beteiligung vor dem gewaltigen Altar gehalten worden. Rechts und links wurde das Kreuz flankiert von riesigen Fahnentüchern in den polnischen Farben. Den Ab- schluß bildete je ein Sternenbanner. Die schnell aufgebaute Kanzel ist mit dem vatikanischen Gelb-Weiß ausgeschlagen. Auch sonst haben sich die Polen in rührendem Eifer ange- strengt, die Bedeutung des Tages dem ganzen Lager sichtbar zu machen. Unter Leerung eines Magazins von weiß-roten Geweben sind Block 6 und 8 tapeziert und mit dem pol- nischen Aar geschmückt worden, der sieghaft seine Schwin- gen der Sonne zu breitet. Kunstvoll gemalte Inschriften