ZWÖLF UHR
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mitten auf dem Platz der Flüche, da steht es in stiller Majestät, weist gen Himmel und reckt seine mächtigen Arme aus nach Osten und Westen: ,, Ave sancta crux, spes unica nostra!" Das Christuskreuz , über Nacht ist es wie aus dem Boden gewachsen, ein Menetekel für die Ungläubigen: ,, Tandem vicisti, Galilaee!" Das ist einer der bewegendsten Augenblicke meines Lebens, der sich würdig anreiht an die Feier des ersten Abendmahles in St. Michael, und das größte Lagererlebnis, größer als die Stunde der Befreiung! Wie weggeblasen ohne Spur das Hakenkreuz! Und ohne daß wir einen Finger gerührt hätten, ragt es übers ganze Lager, das Kreuz. Nie, nie werde ich es euch vergessen, ihr Polen , ihr glaubendes Volk mit großer, aber leidensschwerer Vergangenheit, daß ihr den Mut hattet, einer ganzen Welt zum Trotz das Kreuz aufzurichten. Mir trat das Wasser in die Augen, Tränen des Dankes und der innersten Bewegung liefen mir über die Wangen, als ich des in seiner Einfachheit grandiosen Zeichens ansichtig wurde, das, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns stand. Das Kreuz hat gesiegt!
Die Polen hatten es noch in der Nacht aufgerichtet für einen Altar von ungeheurer Größe, an dem sie zu ihrem heutigen Nationalfest die Messe zelebrieren wollten. Das Fest soll die Erinnerung an den Tag der Konstitution von 1791 frisch erhalten. Es soll ferner von diesem Altar aus auch ein allgemeiner Gedächtnisgottesdienst für die im Lager Gestorbenen gefeiert werden; wann? ist noch unsicher. Wird auch das Häuflein der Evangelischen gewürdigt werden, das Evangelium an dieser Stätte vor aller Welt zu bezeugen?
Wie mir Janek sagt, ist das Kreuz 12 m hoch und 4 m breit. Er hat selbst mitgeholfen bei der Aufrichtung. Gottes Segen über ihm!


