Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

unser Gott " gesungen hatten, spendete er uns mit feierlich ausgebreiteten Händen den Segen.

Wir waren alle sehr gerührt von der schlichten, aber echten Rede des Kaplans, so daß der tschechische Dolmet­scher, Pfarrer X., in unser aller Namen sprach, als er ihm aus bewegter Seele dankte für diesen Gruß aus Amerika , der ein Zeugnis war für die kostbare Wahrheit von der Einheit der Kirche in Christus. Eine letzte Versicherung der Verbundenheit: ,, I was very happy to see you here", und die Feier endete mit dem gewaltigen:

,, Nun danket alle Gott!"

Draußen wartete eine große Überraschung auf uns. Wir waren schon dabei, auf unsere weltlichen Blöcke abzu­ziehen, um Freund und Feind von dem bedeutsamen Augen­blick Kunde zu geben, da wurden wir durch einen hellen Ruf zurückgehalten: Dableiben, wir werden geknipst!" Und wahrhaftig, wir wurden geknipst; wie lange haben wir die Kulturhandlung vermissen müssen, die in der gan­zen Welt einheitlich mit einem ,, Bitte, recht freundlich", eingeleitet wird?

Am aufregendsten wirkt aber doch auf mich, daß das Tor zum Kirchenblock jetzt offen und der Weg frei ist zu Kapelle, Kanzel, Altar und Gottes Wort. Das ist doch das Größte, und das verdanken wir Amerika ! Wir selber hät­ten's nicht geschafft; nie soll es euch vergessen werden, die ihr das Tor aufbrachet und euer Leben hergabt für unsere Freiheit!

Donnerstag, 3. Mai 1945.

Das Kreuz im KZ! Das Christenkreuz! Wachen oder träumen wir? Nein, wir träumen nicht, wir haben unsere Augen ausgerieben und wachen. Da steht es, das Kreuz,