Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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224 FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

ob die Dämme zerrissen seien und die Ströme des Dankes überfluteten die Ufer: Lobe den Herrn, den mächtigen. König der Ehren, Stimme, du Seele, mit ein zu den himmlischen Chören! Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf! Lasset den Lobgesang hören!

Am einfachen Rednerpult steht ein einfacher Mann in grüngelber Uniform. Um die Schultern hängt ihm ein stola- ähnlicher schwarzer Streifen mit aufgeprägten Goldkreuzen, mit welchem wohl ein vereinfachter Talar angedeutet wer- den soll. Er liest auf englisch das herrlich-feierliche Gebet des Großen Hohepriesters aus dem 17. Kapitel des Johan- nesevangeliums, betet aus freiem Herzen und gedenkt für- bittend auch Deutschlands , was von dem böhmischen Über- setzer übrigens unterschlagen wird. Dann richtet er folgende Ansprache an uns:

Meine lieben Brüder! Ich wollte, daß ich das Evange- lium unseres Gottes in deutscher Sprache predigen könnte, aber mein Deutsch ist nicht geläufig genug, und so muß ich englisch sprechen; mein Bruder hier wird es alsdann in eure Sprache übersetzen. Ihr habt gebeten, ich möchte einige Worte an euch richten, und ich will nun folgendes ‚sagen: Ich erinnere mich, daß ein deutscher Pfarrer, Martin Nie- möller, rühmte und bekannte:Gott ist mein Schild! und das rühme und bekenne ich auch. Ich kann euch nicht gut predigen, denn ich weiß, ihr habt viel gelitten, was ich nicht erlitt. Aus diesem Grunde will ich euch etwas mit- teilen von dem Glauben, den wir alle miteinander gemein- sam haben. Ihr seid alle mutig eingestanden für die Über- zeugung, die ich habe, und die wir in Amerika haben. Der Feind hatte gedroht, unsere Ideale zu vernichten. Da haben wir uns dagegen gewehrt. Amerika sah, daß nichts anderes