Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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ZWÖLF UHR

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wirken mächtiger unter dem Einfluß jahrelanger Gewohn­heit als die Gegenwart, die erst zwei Tage alt ist. Einige versuchten, die Tuchkreuze zu entfernen. Vergebliche Mühe! Die Kreuze bleiben als Vertiefungen, denn der Stoff ist den Balken entlang völlig ausgeschnitten. Ist's nicht mit dem Kreuz überhaupt so: wenn wir es entfernen wollen, gräbt sich's um so tiefer ein.

Ei der Tausend, eine Lagerzeitung ist im Erscheinen be­griffen. Pressefreiheit! Doch merkwürdigerweise nicht n der Sprache der Befreier, sondern französisch.

Das katholische Pfarramt Dachau hat, das steht un­bedingt fest, den Pfarrerblock gebeten, einige Geistliche zur Agnoszierung von Leichen hinauszuschicken, von denen man vermutet, daß es Priester seien, die bei dem verhäng­nisvollen Transport ums Leben gekommen sind. Sobald ich Näheres von bestimmtem Charakter erfahre, werde ich weitere Eintragungen über die Dinge machen, die jetzt als Gerücht von Mund zu Mund gehen.

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2. Mai 1945, abends 26 Uhr.

Ein lutherischer Kaplan der 7. amerikanischen Armee - unsere Befreierin hatte einen Besuch angesagt und wollte zu seinen Glaubensgenossen sprechen. Schnell mußte ich noch einige ,, Laien" zusammentrommeln, den Knaben Hiob , M., den Sterngucker, und andere. Unglücklicherweise wurde gerade das Vesper ausgegeben, ein halbes Brot, Tee, Käse und Margarine; und da das Essen von jeher den Rang einer sakralen Handlung bei uns hatte, so war es schwer, jemand loszueisen außer dem Knaben Hiob . Nach einem zweiten Wecken haben sich doch einige zum Mit­kommen entschlossen.

Als wir eintreten, sind sie schon versammelt und singen jubelnd das alte Preislied unserer Kirche, daß es ist, als