Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

waren. Um so schwerer ist die Anklage der Hunderttau­sende, die sie in den Tod schickten durch die Tür mit der harmlosen Einladung: ,, Zum Brausebad."

Ein furchtbares Gerücht geht um, zunächst unsicher im Flüsterton von wenigen nur geglaubt, jetzt aber immer bestimmtere Formen annehmend: der ganze Zug, der am Donnerstag abmarschierten Deutschen soll in der Nacht zum Sonntag umgebracht worden sein. Gott gebe, daß sich's nicht bewahrheitet! In schwerer Gefahr schweben sie, das steht fest, denn ihre Hüter sind ihre Feinde.

Unsere Kost verbessert sich von Tag zu Tag. Morgens gibt es Milchkaffee mit französichem Zwieback, und alles so reichlich, daß wir kaum Herr drüber werden. Zum Mittag lieferten sie uns ,, Stacheldraht"; doch es war mehr Fleisch als Draht, und der Löffel stand darin, das Ideal war also erreicht. Wir hatten gedacht, verhungern zu müssen, aber: ,, Er hat vieltausend Weisen

zu retten vor dem Tod."

Unser Glück vermögen wir noch nicht zu fassen. Wir gleichen Genesenden, welchen es nur langsam gelingt, wie­der auf die Füße zu kommen, und die Schritt um Schritt das Gehen wieder lernen müssen, kleinen Kindern gleich.

Wir beginnen auch, uns gegenseitig mit menschlichen Blicken zu betrachten, nachdem wir uns jahrelang vorein­ander fürchten mußten wie ein Wolf vor dem andern. Vielen ist es unmöglich, sich rasch umzustellen auf die neue Lage, die eine Schwenkung um 180° bedeutet; wir sind keine Gefangenen mehr, nein wirklich nicht, sondern freie Leute. Aber die alte Umgebung, die alten Uniformen, die Kreuze auf dem Rücken, die Winkel und die Nummern auf der Brust, die kurzen Haare: diese Zeichen des Alten sind noch da, dazu die Blockpaschas und Stubenmoguls, die uns drunten hielten, auch sie sind noch nicht fort und