ZWÖLF UHR
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In der Kapelle.
Draußen hält das Auto des amerikanischen Kaplans. Hier drinnen haben sich einzelne Gruppen gebildet, die im Flüsterton miteinander reden. Noch sind die Spuren nicht ganz getilgt aus der Zeit, wo der Raum gleichzeitig als Fabriksaal dienen mußte.' Am Altar kniet ein Mann in Häftlingskleidung Häftlinge gibt's jetzt nicht mehr- dem ein anderer, ebenfalls im Häftlingsgewand, aber um Hals und Schultern die Stola geschlungen, die Beichte abnimmt, lang Versäumtes nachholend; während nebendran zwei Amerikaner sich von Pfarrern Bericht erstatten lassen. Der eine wird durch eine Schulteretikette als Kriegskorrespondent ausgewiesen. Windgasse, der Evangelist, unterhält sich in gedämpftem Tone mit einem Engländer im Alter von 28 Jahren, einem ehemaligen Kriegsgefangenen, der, aus Salzburg entflohen, sich 8 Tage in Mün chen versteckt hielt, bis ihm seine Landsleute die Möglichkeit gaben, sich hervorzuwagen. Er steht ganz unter dem Eindruck dessen, was er an diesem Ort hören und sehen muß, am meisten wie alle andern von den Scheußlichkeiten niedergeworfen, die im Krematorium ans Tageslicht kamen. Dort fanden die eindringenden Amerikaner wahre Berge von Leichen, teils schon in verwesendem Zustand, weil die Kohlen zur Verbrennung gefehlt hatten. Außerdem jenen fluchwürdigen Raum, der mit der harmlosen Aufschrift ,, Brausebad" die Eintretenden täuschte, als ginge es zum Bad, während drin schon die Trichter darauf warteten, über die Ahnungslosen das Giftgas in heimtückischen Schwaden ausströmen zu lassen, um sie in wenigen Minuten zu Leichen zu machen. Die Kammer dagegen, in welcher die Reinigung der verlausten Decken vorgenommen wurde, trug in Riesenbuchstaben zwischen zwei Totenköpfen die Warnung: ,, Vorsicht! Lebensgefahr! Gift!" Sie wußten also genau, was sie ihren Nebenmenschen schuldig


