ZWÖLF UHR 209
Wir ließen uns nicht aus der Ruhe bringen, sondern fuhren fort, unser Vesper einzunehmen und unsern Tee dazu zu winken. Horch! Es beginnt zu schießen. Das Donnergrollen der Artillerie scheint sich uns zu nähern. Auf einmal Schreie und Gebrüll:„O, o, o, o, o!“ wie von Willkommrufen. Aus der Ferne rauscht es wie der Frühlingsregen eines tausendfältigen Viktorias.„Bravo, bravo!“ echot es im Schlafraum:„Sei doch ruhig, wir wollen auch was hören!“ „Still, sei kein Kind!“ Die Windsbraut lärmenden Jubels setzt sich draußen fort, ohne daß einzelne.Worte oder Töne zu unterscheiden wären.© Gott, ist es die Stunde der Freiheit? Mach uns ihrer würdig, mach uns dankbar unser Lebenlang! Reiß den Haß heraus aus unsern Herzen!“ „Die Ameriganer san scho da!“ ruft ein Österreicher;„dia kommet grad recht zum erschde Mai“ ein Schwabe, der Legionär aus Stuttgart , der mit dem Kalender auf gutem Fuß steht. 6 Uhr 10. Wahrhaftig! Auf dem Türmchen weht über dem Tor das Sternenbanner neben einer Fahne, welche die Farben rot- gelb-schwarz und als Inschrift die Buchstaben RF aufweist Auf dem Pfarrerblock- wird ein belgischer Pressevertreter enthusiastisch begrüßt. Er war der amerikanischen VII. Ar- mee attachiert. Kaum war er durchs Tor hereingekommen, als ihn die Gestreiften jubelnd auf die Schultern nahmen. Auch für Überraschung ist gesorgt: einer der Häftlinge stürzte auf ihn los, drückte seine Hände, indem ihm die Tränen über die Backen liefen und er unter Lachen und Weinen rief:„Andre, kennst du mich nicht mehr, deinen alten Schulkameraden aus Brüssel ?“ Und wahrhaftig, Andre erkannte ihn wieder, den alten Schulfreund aus Brüssel , an dem Ort, wo er ihn am wenigsten gesucht hätte; und die beiden feierten ein bewegtes, ungewöhnliches Wiedersehen, der Befreier und der Befreite.
Fünf Minuten vor Zwölf 14


