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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
Fenster klirrten. Wir hatten nicht Muße, uns Gedanken zu machen, denn wir waren bei Christus zu Gaste, und das Wunder des Altars nahm Herz und Sinne gefangen. Keinen Augenblick zauderte unser Bruder, Pfarrer Rackwitz, die Feier fortzusetzen, noch war in seiner Stimme ein ängstliches Vibrieren zu bemerken. Im Unterbewußtsein mag freilich manchem die Frage aufgestiegen sein: Was geht vor? Ist er schon wieder von kalten Stürmen bedroht, der junge Keim der Freiheit? Was ist geschehen? Sind Bomben gefallen? Sind Kämpfe aufgeflammt? Wie nachher gesagt wurde, traf nichts zu von alledem. Nein, unsere Vögte hatten Sprengungen vorgenommen, um die letzten Spuren ihres Hierseins zu tilgen in weiser Voraussicht des Kladderadatsch. Den Hauptteil der Archive hatten sie schon 14 Tage zuvor dem ewigen Schweigen des Feuertodes über
antwortet.
Nach dem Mittagessen fange ich Bruchstücke eines Gesprächs auf, aus dem ich nicht klug werde, das mir aber doch im Zusammenhang mit unserer Lage zu stehen scheint. ,, Dörr ist tot.... der und der ist ebenfalls tot...." Als der Angeredete Näheres wissen will, erklärt der Berichterstatter mit einem argwöhnischen Blick auf mich, den ich nicht verdient habe: ,, Darüber redet man nicht", fügt indessen noch hinzu: ,, Das Rathaus von Dachau haben sie gestern besetzt, ein Obersturmführer..... Mehr konnte ich nicht verstehen, denn die Rede erstarb im Geflüster.
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Abends 5 Uhr.
Kurz nach der Austeilung der Brotzeit gab der Blockpascha folgende Befehle durch:
,, Die Kämpfe nähern sich dem Lager. Sobald geschossen wird, alles auf die Blöcke!
Niederlegen!"


