Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF

Bewegung. Die Blöcke bröckelten allmählich ab. Irgendwer soll den Ruf ausgestoßen haben: ,, Auf die Blöcke zurück!", dem sich jeder gerne fügte. Im Handumdrehen ist der Platz halb geleert, nur die ausgesprochenen Sklavenseelen, die sich vom herrischen Blick der Schlange so lange faszinieren lassen, bis sie in den aufgesperrten Rachen scheinbar frei­willig gesprungen sind, können sich nicht losmachen. Die Davoneilenden trifft der spöttische Vorwurf eines Spaß­vogels: ,, Nanu, früher wollte doch keiner von euch herein, und jetzt will keiner mehr heraus. Verkehrte Welt, das." Allein das Geheimnis war, daß der verkehrte Sack gerade dabei war, sich wieder umzukehren.

Gewisse Capos und Blockmoguls sollen übrigens gerannt sein, als es gestern abend hieß, abmarschieren, mit Karren und Wagen, um sich und ihr zusammengeräubertes Gut in Sicherheit zu bringen. Es sind die Leute, denen ihr schlechtes Gewissen dringend zur Abreise riet, um sich der rächenden Nemesis ihrer Mithäftlinge zu entziehen.

Da horcht! Was gibt es dort unten? Bei den Seuchenblocks erhebt sich ein wahrer Tumult. Was schreien sie in einem Dutzend von Sprachen? Einige springen in die Höhe wie fliegende Fische, als ob sie nicht wüßten, wohin mit der Freud, oder als ob sie Gespenster sähen am hellichten Tag. Endlich unterscheide ich die Laute: ,, Panzerspitzen bei Dachau !" geht's in begeistertem Schreien durcheinander. Panzerspitzen bei Dachau -- ja, darauf warten wir, nun unsere Not aufs Höchste gestiegen ist.

,, Wenn die Not am größten

ist Gottes Hilf am nächsten!"

Es ist wieder ruhig geworden mit den Panzerspitzen, dafür sind neue Gerüchte am Umherschwirren. Wieder ein­mal sollen die Deutschen vollends entfernt werden, aber