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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
unser Feind, dessen Absichten zu durchkreuzen wir das volle Recht haben. Ich glaube bestimmt, es vor Gott verantworten zu können, wenn ich mich unter dieses schändliche Sklavereisystem nicht wie unter seine eigene Hand beuge und mich nicht willenlos in alles füge, was die Bullen sich aussinnen zur Tyrannisierung der Menschen. Nicht als ob dieser Weg so einfach wäre. Im Gegenteil, es bedarf einer gewissen inneren Unabhängigkeit und des Mutes, der aus ihr entspringt, um sich von dem bezwingenden Eindruck der Machtfülle loszumachen, den sie hervorzurufen suchen, und der jeden zu ersticken droht, der sich nicht mit innerer Besonnenheit dagegen auflehnt.
Es hat in der Nacht geregnet. Die 8000 Gefangenen sind abgezogen, und der Platz ist leer, wenigstens von Menschen; aber übersät wie nach einem Biwak von ungezählten Häftlingskleidern, Hosen, Zebrajacken, Schuhen, Kochgeschirren und Abfällen jeder Art, die in ganzen Haufen umherliegen, und seit dem frühen Morgen der Wallfahrtsort jener an Leichenfledderer erinnernden Gestalten, welche ihr Beuteinstinkt magnetisch auf die Schlacht- und Trümmerfelder zieht, um ungeahnte Schätze aus Kehrrichthaufen zu bergen. Auf dem Blockhof macht sich einer nach dem andern daran, von den brennbaren Überbleibseln ein Feuerlein anzufachen, um ihren Sonderkaffee daran zu kochen. Auch Bücher, deren eine ganze Menge herumlagen, mußten es sich gefallen lassen, zur höheren Ehre der Morgensuppe wie wehrlose Märtyrer verbrannt zu werden. Lieber Dr. Mattheyka, was würdest du zu dem Anblick sagen, sähest du deine mit soviel Mühe für die Bücherei gesammelten Lieblinge ein solches Ende nehmen? Sic transit mundi gloria! Ängstliche Gemüter fürchten bereits den Hungertod. Ein Buchhändler aus Günzburg unkt unter dem Einfluß seiner rebellischen Eingeweide: ,, Mittagessen gibt es nicht mehr, auch keinen Kaffee, denn die Küche streikt. Doch strafen


