VORALARM
171 ist es einer, sogar der Freund des Kardinalerzbischofes Mi chael von Faulhaber in München , er ist ein holländischer Mönch, Sprachwissenschaftler, und hat das Alte Testament ins Holländische übersetzt. Das erfuhr ich, als ich ihn vor 2 Jahren im Revier kennenlernte, wo er fuẞkrank darniederlag. Wir hatten uns gegenseitig schätzen gelernt, tauschten miteinander aus, was wir hatten: Bibeldeutsch gegen Brevierlatein, deutsche Gedichte gegen holländische Lieder, Kartoffelpuffer gegen kondensierte Süßmilch, und was es sonst zwischen zwei Theologen zu handeln und verhandeln geben mag. Und heute machten wir weiter, als ob seither nicht fast zwei Jahre über uns hingebraust wären. Er hatte in einem Anfall von Ängstlichkeit und Verfolgungswahn zwar alle seine schönen Lieder verbrannt( mit eigenen Händen: das ist, als ob eine Mutter ihre Kindlein selbst erwürgen müßte); aber einige hatte ihm seine Muse inzwischen wieder geboren; die las er mir vor, und ich bemühte mich, sie schön zu finden, obwohl ich, des Holländischen unkundig, sie nicht recht verstand. Aber ich, was sollte ich in Tausch geben? Ich stand mit leeren Händen da und hatte nichts, nicht einen Vers, denn meine Leier war völlig verstummt. Und doch war dafür gesorgt, daß ich nicht ganz zahlungsunfähig war, der Pater selbst mußte mir helfen: ihm fiel ein Wort ein aus einem Büchlein, das ihm gut gefallen hatte. Er las es mir vor, und siehe da, es stammte aus dem Lutherbüchlein:„ Der Sprung über den Abgrund"; das war von einem gewissen Gotthelf Ekkehardt geschrieben und das war- meine Wenigkeit! Der gute Pater staunte nicht wenig, als ich mein Incognito lüftete; das hätte er nicht hinter meinem einfältigen Gesicht gesucht. Aber er mußte es gelten lassen, daß ich dem Tausche nichts schuldig geblieben, sondern mein Teil geliefert hatte, wie es sich gehörte.
Den ganzen Tag reißt heute das schrille Stöhnen der


