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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
Später. Die grimmige Kälte, die in den Frühstunden noch unsere Glieder erstarren machte, ist einer wohltuenden Wärme gewichen. Von einem wolkenlos blauen Dachauer Himmel flutet sie übers Lager hin, dringt durch Blöcke und Stuben und läßt die frostgebundenen Glieder wieder auftauen. Mir wird bald allzu warm, so daß ich die dicke Elefantenhaut, den Wintermantel, abzustreifen mich gezwungen sehe. Ich bin wieder n' Mal bei meinen Freunden zu Besuch, den geistlichen Herren, zu denen ich mich geflüchtet habe, um den Grobheiten des Blockmoguls zu entgehen. Es herrscht doch eine bessere Luft in der Nähe der Kapelle, das ist unverkennbar: ,, Unter dem Krummstab ist gut wohnen", hieß es im Mittelalter. Und merkwürdig, das scheinen auch solche Leute zu empfinden, die sonst die Kirchenluft nicht gut ertragen können. So manchem begegne ich im Hofe von Block 26, der auf der Stube gar abfällige Bemerkungen über die Pfaffen von sich gab. Und das Tor ist umlagert von einer Unzahl Russen, die mit sehnsüchtigen Blicken durch das Gitter hineingucken, auf die geistlichen Hände wartend, die sich auftun sollen. Stünde auch nur eine einzige dieser Gestalten noch da, wenn sie mit ihren guten Hoffnungen eine schlechte Erfahrung gemacht hätten?
So habe ich denn nach der Andacht einen Hocker ergattert, um unter den menschenfreundlichen Männern ein bißchen aufatmen, lesen, meinen Gedanken nachhängen und schreiben zu können natürlich im Hofe, im Freien, denn ihnen in der Beschränktheit ihrer Stuben noch Platz wegnehmen, das hieße, die Gastfreundschaft mißbrauchen. Einer von ihnen trat zu mir, dem man es an dem schäbigen Anzug, den er trägt ausgefranste Ärmel, gebeulte Hosen voller Runzeln! den Pater nicht ansehen würde, noch weniger einen Sekretär des ehemaligen Generalvikars des Franziskanerordens und Doktor der Philosophie. Und doch
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